Anne und Clemens

                  Das Judenmädchen und der Obersturmführer

                            

Bernd Deppe hatte gerade seine kleine Segelyacht in Kappeln vor der Kippbrücke an der Pier fest gemacht und wartete auf die Durchfahrt. Der Mast war abgeknickt, Rick und Reling gerissen und verbogen. Unvermittelt fanden sich auch gleich Schaulustige ein, meist Urlauber, die verzückt den Schaden bestaunten und: ‚Na Seemann, Schiffe versenken gespielt? ‘ Bernd fand das gar nicht lustig.

Doch dann kam einer, unterbrach seinen Jogginglauf: ‚Christian   Bruninghausen‘ stellte der sich vor und fragte verständig nach der Ursache der Havarie: „Was ist ihnen denn da für ein Malheur passiert?“

Und Bernd noch immer aufgebracht auf Platt: „Ja, schön Schiet nich. Dat is in Holtenau in de Schlüüs passeert. Da kömmt doch son grote Motoryacht und kracht mi da voll in de Siet, weil de Döskopp vör nun trüch verwesselt hätt. De Deerns bi em an Bord han eern Spoß dorbi un gaggern wie dull.“

„Das ist ja eine ärgerliche Sache. Aber ihnen ist hoffentlich nichts passiert?“

„Das hätte noch gefehlt. Nein, glücklicherweise nicht. Dann beguckt der arrogante Fatzke sein Schiff und meint: ‚Ist ja noch mal gut gegangen und nix kaputt. Das an ihrem Schiff bezahlt meine Versicherung‘, und gibt mir ohne ein Wort des Bedauerns seine Visitenkarte. So nicht, Freundchen, sag ich. Da hat nicht viel gefehlt, dann wäre er auf seinem Schiff ‚ausgerutscht‘ und hätte eine kleine Runde im Schleusenbecken gedreht.“

Mit dem Schleusenwärter als Zeugen habe er dann den Sachverhalt formell geklärt.

Dann erzählte Bernd zerknirscht, dass er von Hamburg auf dem Weg nach Dänemark sei. Im kleinen Belt wollte er sich mit einigen Segelkameraden in einer Bucht treffen und ein Fass aufmachen, bisschen grillen und Fisch räuchern. Das machten sie jedes Jahr einmal. Gerade weil er Rentner geworden war, freute er sich jetzt besonders auf eine Zeit ohne Termindruck. Na, ja - aber das würde nun wohl nichts mehr werden.

Nachdenkliches Schweigen.

„Wenn sie Sie jetzt eine Werft für die Reparatur suchen. Da kann ich helfen“.

„Kennen sie sich hier aus?“

„Ja, wenn sie möchten, kann ich sie auch dorthin begleiten, denn ich kenne den Meister gut“.

Bernd fiel ein Stein vom Herzen, weil da nun jemand war, der ihm in seiner misslichen Situation helfen wollte. Gemeinsam überführten die beiden nun das Schiff in die kleine Werft. Doch der Meister dort musste Bernd enttäuschen: „Jetzt ist Urlauzeit und so schnell ist die Reparatur ohnehin nicht zu machen“. 

Und nun?

Inzwischen war es Abend geworden, da meinte Bernd, so hieß ja der Hamburger: „Ich möchte sie gerne für ihre freundliche Unterstützung zum Essen einladen. Kann man hier in der Nähe eine Kleinigkeit bekommen?“ „Ja, hier gibt es einen hübschen Gasthof.“

Auf dem Weg dorthin erklärte Christian, dass er aus Westfahlen komme und die Familie hier ein Ferienhaus habe. Deshalb seien sie auch häufiger hier. Bernd erzählte, dass er sei in Hamburg praktisch im Hafen aufgewachsen sei. Das wäre sein zu Hause und wie eine große Familie. Er kenne die Sprache der Menschen dort. Das war schon recht vorteilhaft als er dann Schiffsmakler gelernt und sich selbstständig gemacht habe.  

Beim Essen stellte sich heraus, dass Christians Hilfsbereitschaft nicht ganz uneigennützig gewesen war, denn er suchte für seinen Törn noch einen zweiten Mann. So beiläufig erzählte Christian dann, dass er sich ein neues Schiff angeschafft habe und auch noch raus wollte, aber allein möchte er nicht so gern. Ein Bekannter habe aus zeitlichen Gründen kurzfristig abgesagt. Bernd sah Christian hoffnungsvoll an: „So lange mein Boot repariert wird, könnte ich ja auch mit kommen.“ Christian freute sich über den Vorschlag. „Ja gut, das wäre prima. Daran habe ich auch schon gedacht, aber ich wollte sie nun nicht von der Reparatur abhalten, falls sie die Arbeiten begleiten wollten, obwohl es doch ein Haftpflicht Schaden ist.“ Mit einem Handschlag besiegelten nun die beiden Männer die Heuer und das ‚Du‘, wobei sie mit einem kleinen Drink anstießen. Sie klönten noch eine Weile, um sich besser kennen zu lernen und verabredeten sich für den nächsten Tag auf Christians Yacht.

Wie vereinbart, Punkt neun Uhr, hatte Bernd sich eingefunden und bestaunte schon das elegante Schiff. Als er dann Christian strahlend mit einem jugendlich flotten, aber schon gereiften, Mädchen Hand in Hand kommen sah dachte er verdutzt:

„Ach du meine Güte, so ist das also, sie hat das Geld sich ein tolles Schiff und dazu einen jungen Lover zu leisten. Ja, und ich sollte nun für das Turtelpärchen den Kutscher und Lakaien spielen, während die sich an Deck in der Sonne räkelten?!“                                      

Bernd war baff. Seine Mimik signalisierte ‘so nicht‘, und er suchte schon gleich nach einem Ausweichmanöver für die Heuer. Doch Christan kam ihm zuvor:

„Das ist mein neuer Freund Bernd – und Bernd darf ich dir Anne vorstellen, meine Mutter? Sie wird mit von der Partie sein. Du bist doch nicht abergläubisch, wenn eine Frau mit roten Haaren an Bord kommt?“

Bernds Miene hellte sich gleich wieder auf.

„ Mutter?“

Er zückte artig seine Elbseglermütze: „Moin, junge Frau.“

Anne hatte ihn ertappt, unterbrach ihn sogleich wieder und lachte: „Danke für das Kompliment, aber ich bin auch schon Oma und habe zwei Enkeltöchter“. Selbstbewusst streckte sie Bernd zur Begrüßung die Hand entgegen und meinte grade raus: „Ich genieße es, weil viele glauben, dass ich Alte mir einen flotten, jungen Lover leiste, wenn ich so vertraut mit meinem Sohn unterwegs bin. Christian sagte, das ‚Du‘ sei in einer Segelcrew üblich. Ist das OK Bernd?“ Dabei sah sie Bernd mit einem Augenaufschlag an wie der von Alice aus dem Wunderland – nur noch ein bisschen kecker. „Ja das ist schon OK, auch ohne Kuss“, grinste er mutig, um ein wenig Oberwasser zu bekommen, denn ihr unbefangener Auftritt und ihr Charme hatten ihn spontan doch etwas verlegen gemacht. „Christian sagte mir, dass er einen netten Herrn kennen gelernt habe, der uns begleiten würde.“                           

 „Und? -  Ist er nett?“

Anne lenkte ab und lachte: „Ich werde es herausfinden - Kaffee?“ „Danke, gerne.“

Diese erste Begegnung mit den von Brunininghausens sollte dann der Beginn einer langen, nichtalltäglichen Freundschaft werden. Gemeinsam mit Christian kramte Anne nun in der Pantry und machte Kaffee. Christians nagelneue Segelyacht war ein Traum. Abgesehen von der aktuellen technischen und nautischen Ausstattung verzückte Bernd auch der anspruchsvoll gestaltete Innenbereich, weil derartig exklusive Schiffe nur wenige hier im Norden bei den Freizeitseglern zu finden waren, denn Eigner so hochpreisiger Yachten bevorzugen meist die wärmeren Gefilde.

Bernd nahm auf dem Sofa im Salon Platz und bestaunte die Details der Ausstattung unter Deck. Besonderes Augenmerk richtete er aber auch diskret auf die eleganten Linien der flotten Mutter in ihren sportlichen Jeans achteraus, wie man in der Seemannsprache so schön sagt. Frauen wissen das. Ja, und Anne wusste das auch! Deshalb passte sie ihr Getue erwartungsvoll an, so dass es im Geist des Betrachters schon gewisse Sinne sensibilisierte. Leise sang sie provozierend dabei: “Seemann, lass träumen…“

Neugierig wollte sie nun wissen: „Bist du immer so allein unterwegs?“

„Wieso?“

„Hat deine Frau hat keine Lust zum Segeln?“

Bernd lachte: „So fragt man Leute aus. – Ja, früher war sie meistens dabei, aber jetzt bin ich seit einigen Jahren Wittwer“.

„Ach, das tut mir Leid“.

Anschließend berichtete Bernd kurz von seiner Havarie, auch dass er jetzt Ruheständler sei und sein Sohn ihre Hafenspedition ganz übernommen habe.

„Ja, ja“, meinte Anne schmunzelnd, „du hast es gut. Christian und mir geht es so schlecht, dass wir noch arbeiten müssen.“

Und Bernd ironisch: „Das ist sehr bedauerlich, dass ihr noch arbeiten müsst.“

Er überlegte, wenn die sich ein so teures Schiff leisten könnten, müssten sie ja beide tüchtig arbeiten.

„Was macht ihr denn, ich meine so beruflich?“

„Wir sind beide im Maschinenbau tätig.“

„Aha.“

Bernd wollte noch mehr fragen, doch da stellte Anne drei Kaffeebecher und die Keksdose auf den Tisch. Sie beugte sich dabei so vor, dass Bernd zwangsläufig Kenntnis nehmen musste, was Sie mit ihrer locker geschnitten Bluse verhüllte.

So - nun hatte Bernd seine Frage vergessen.

Dann erzählte sie, dass es Christians Vater einst bei Kriegsende hier her verschlagen hatte. Später sei er dann beim Segeln verschollen und auf See geblieben. Deshalb brächten sie ihm jedes Jahr zum Geburtstag Blumen und übergäben sie der See. Anfangs wäre ein Fischer jedes Mal mit dem Kutter raus gefahren, aber jetzt hätte Christian sich ja diesen Segler angeschafft. Allerdings fühle er sich noch nicht so firm, dass sie beide allein fahren sollten. Das Kaffeekränzchen mit ein paar Keksen entwickelte sich zu einem amüsanten Schwatz, wozu Bernds Seemannslatein entsprechend beitrug, was offenbar auch bei Anne Punkte brachte. Nach einem Gläschen Sherry verabredeten sie sich zum Abendessen im Gasthof.

Wieder wurde es sehr kurzweilig, dabei gaben Anne und Bernd den Ton an, als weitere Gläschen der hauseigenen Kreation ‚Schleifeuer‘ die Zungen lockerten. Als letzte Gäste machten sie sich auf den Rückweg. Es schien so, als hätten sich da die drei Richtigen gefunden.

Gemeinsam mit Christian befasste Bernd sich am nächsten Morgen dann mit den Gegebenheiten an Bord und checkte Wasser, Treibstoff, Proviant und Maschine.

Bernd holte aus seinem Schiffchen seinen Seesack und ein paar nützliche Sachen wie Kleidung, Proviant und natürlich ein paar Flaschen.

„Wenn du in Dänemark deine Liegegebühr bezahlst und wirst vom Hafenmeister gefragt: ‚Hat du auch ein klein Snaps?‘ Ja, natürlich hat man! Das wirkt sich nämlich günstig auf die Gebühr aus, denn nach jedem Drink werden das Schiff und der Betrag etwas kleiner“, hatte Bernd schon zum Besten gegeben. Er quartierte sich in einer der vier Doppelkabinen mit Dusche ein. Anne hatte sich einen großen Strauß roter Rosen besorgt.

Das Wetter war durchwachsen und es wehte eine leichte Brise aus West, als sie am späten Vormittag aufbrachen. Christian wollte gerade die Leinen los werfen, da meinte Bernd: „Nein, nein Christian, das sollte nun mein Job sein. Du bist hier der Skipper und ich bin Decksmann bei dir an Bord. So bekommst du am besten das Gefühl fürs Schiff.“

Christian hatte zwar die Legitimation zum Führen seiner Yacht erworben und war auch auf der Überführung dabei gewesen und schon mit dem Schiff vertraut gemacht worden, aber er hatte weniger Praxis. Auf dem Eder See segelte er eine Jolle, die er zur Entspannung bei schönem Wetter nutzte, während Bernd schon als Junge auf dem Wasser zu Hause war. Mit vielen Meilen hatte er die Tücken und Launen der See erlebt und respektvoll im Laufe der Jahre mit den Meeren Freundschaft geschlossen.

Nachdem sie die offene See erreicht hatten, holte Bernd den Sherry mit vier Gläsern hervor und schenkte ein. „Prost“ und „Prost Neptun, auf eine gute Fahrt“, wobei er das vierte Glas über Bord schüttete.

Dann setzten sie die Segel. Bernd redete nicht viel und ließ Christian in aller Ruhe machen. Er merkte bald, dass er doch ein gutes Händchen für das Schiff hatte. Aber Bernd wusste auch, wenn er am Anfang das Ruder in die Hand genommen hätte, wäre er womöglich während der ganzen Tour der Steuermann. Allerdings vermittelte er nebenbei kleine Tipps der Seemannschaft auch Segelstellung, Wegerecht und wies auf Gepflogenheiten und vor allem stets auf die Sicherheit hin. Über Funk hatte Bernd inzwischen Kontakt zu den Segelkameraden bekommen und seine Situation geschildert, allerdings könne er nicht in die flache Bucht zu ihnen kommen, weil das Schiff zu viel Tiefgang habe.

Als sie nun weit genug draußen waren und rundum kein Land mehr in Sicht war, stoppten sie auf, und Anne übergab dem Meer bei einigen stillen Minuten den Geburtstagsgruß. Es war mittlerweile schönstes Segelwetter und die Stimmung an Bord bestens. Christian hatte mit seinem neuen Schiff schnell Freundschaft geschlossen, weil es ihm so gut in der Hand lag, wie er stolz sagte. Erwartungsgemäß vereinbarten die drei noch ein paar Tage ihre Tour bei dem schönen Wetter fort zu setzen. Da Bernd ja ‚ortskundig‘ war, kannte er die hübschen, reizvollen Orte und Häfen mit guten Restaurants.

Wenn sie unterwegs Lust hatten machten sie auch mal einen Badestopp. Sie ankerten und fuhren mit dem Beiboot an Land, um sich auf den kleinen Inseln die Beine zu vertreten oder entsprechendem Wetter die abgeschiedenen Strände textilfrei zu erobern. Für Bernd war die fehlende Garderobe anfänglich etwas ‚schenant‘ und gewöhnungsbedürftig, aber nach einer Weile fand er Gefallen daran und hatte auch gleich die Büx aus.

Abends an Bord brutzelte Anne dann eine leckere Kleinigkeit. Dass Bernd noch einige Flaschen zusätzlich gebunkert hatte, kam den abendlichen Runden sehr zugute und wurde von der Besatzung entsprechend gewürdigt.

Es blieb aber auch nicht aus, dass Anne und Christian auf geschäftliche Dinge zu sprechen kamen. So erfuhr Bernd denn auch von ihrer Fabrik, in der sie beide als Geschäftsführer tätig seien. Ihr Mann Claus und Christian waren beide Ingenieure und hauptsächlich für die technischen Bereiche zuständig und Anne mit Schwiegermutter für den kaufmännischen Teil. Christian schmunzelte: „Wenn du bedenkst, dass sie gerade mal zweieinhalb Jahre die Grundschule besucht hat, dann…“ Anne lachte selbstbewusst: „Dafür habe ich doch eine Rechenmaschine.“ Und Christian: “Bei allem, was Recht ist, der Frau macht schnell keiner was vor. Chapeau, die kann mit den Leuten umgehen und verhandeln. In der Firma ist sie beliebt und alle tanzen nach ihrer Pfeife.

Nach zwei harmonischen Wochen auf dem Wasser wollte Christian wieder zurück in die Firma. Er hatte mit Bernd vereinbart, dass er das Schiff nutzen könne, wenn er sich in auch darum kümmern würde. So konnte Bernd sein eigenes Boot in Hamburg lassen und hier auf der Ostsee, nach Terminabstimmung, auch segeln.

Christian war es nicht verborgen geblieben, dass Amor mittlerweile das Schiff geentert hatte und unentwegt Signale sendete, denn Bernd war ja auch ein attraktiver Charmeur. Und Anne könnte mit ihrem Gehabe schon Herren, die ihre fromme Seele bereits höherer Stelle verpfändet hätten, problemlos ins Rotieren bringen, soweit jene nicht zarte Knaben bevorzugten.

Weil alles so schön war, wollte Anne nun anschließend noch ein paar Tage bleiben und mit ihm segeln, da er sich ja auch sonst nur mit der Reparatur seines Bootes befassen müsste. Christian schien es gar nichts auszumachen, dass seine Mutter nun mit Bernd allein auf die Reise gehen würde.

Obwohl es nun eine trauliche Lustreise werden könnte, wollte Bernd aus Prinzip aber standhaft bleiben. Er wollte nicht für einen schwachen Moment diese harmonische Freundschaft aufs Spiel setzen und Anne zu einem Seitensprung animieren. Er wollte sich aber auch nicht von ihren Verführungskünsten einfangen lassen, falls sie es darauf anlegen sollte, denn als rüstiger Frührentner und Wittwer waren ihm sehr wohl die die femininen Tricks erfahrener Damen vertraut.

Als Christian am nächsten Tag mit der Firmen Limousine abgeholt wurde, sagte er dem Chauffeur, dass die Chefin noch hier bliebe, da ein Geschäftsfreund mit seiner Tochter zum Segeln käme. Bernd wunderte sich und an Anne gewandt:

„Sag‘ mal, dann werden wir zu viert unterwegs sein?“

“Ach was, das hat er doch nur gesagt, um mich nicht zu kompromittieren. Es wird doch gern viel geredet“.

„Macht euch man beide noch ein paar schöne Tage“, sagte Christian zum Abschied schelmisch zu seiner Mutter, als die beiden sich recht liebevoll umarmten und sich fast zärtlich voneinander verabschiedeten. Bernd musste die ganze Zeit daran denken, wie Mutter und Sohn miteinander umgingen und er überhaupt kein Problem damit zu haben schien, dass sie nun mit Bernd allein verreisen würde.

Anne und Bernd kauften für unterwegs noch ein paar Kleinigkeiten ein, und als sie ihre Besorgungen erledigt hatten, stachen sie auch gleich wieder in See. Obwohl Bernd das Schiff allein handelte, wollte Anne nicht tatenlos sein. Er überließ ihr das Ruder und sie schien es zu genießen, wie das große Schiff unter Segel ihren Befehlen folgte. Wie schon zuvor witzelten bald die beiden weiter miteinander, wobei Bernd ihre selbstsichere Art nicht so recht deuten konnte. Anne gefiel das, denn sie hatte auf dem letzten Törn schon Feuer gefangen und Bern auch, mochte es sich aber nicht eingestehen. Was sollte das nun werden – Freundschaft oder mehr?

 Gleich am ersten Tag steuerten sie eine beschauliche Ankerbucht an, weil der Wind eingeschlafen war. Mit einem Longdrink setzten sie sich in die Plicht auf die weichen Kissen und genossen artig den Sonnenuntergang und die Ruhe. Still war es, bis Bernd die Stimmung mit weisen Worten analysierte:

„Ist doch immer wieder ein Erlebnis, wenn die Sonne so im Meer versinkt.“

„Herrlich die die Ruhe und wie sich die Farben im Wasser spiegeln.“

„Woran denkst du"? Fragte Bernd nach einer Weile. Anne lachte.

„Warum lachst du?“ 

„Das hat mit dir nichts zu tun. Christians Vater hat es auch immer zu mir gesagt. Das war bei uns so eine geflügelte Frage. Ich erzähle es dir später mal."

Zu gern hätte Bernd ihre Gedanken ergründet, doch wortkarg ging es wohl noch so eine halbe Stunde weiter. Dann meinte Anne: „Es wird langsam doch frisch. Wollen wir nicht nach unten in den Salon gehen? Was hältst du von einem kleinen Snack?“                                                                               „ Fein, ich bin dabei - mit klugen Sprüchen.“

Mit einem Gläschen Sekt nebenher produzierten sie nun gemeinsam in der Pantry eine feine Kleinigkeit, wobei beide die Highlights ihres Könnens zu beweisen versuchten. Dann machten sie es sich mit ihren Kreationen und leiser Musik bei Kerzenlicht und einer Flasche Rotwein im Salon gemütlich. Bernd hatte die Heizung noch ein wenig eingeschaltet und eine wohlige Atmosphäre geschaffen. Obwohl Bernd eine schöne Portion Sauerfleisch mit deftigen Bratkartoffeln jetzt lieber wäre, bemühte er sich etwas holprig, Anne ein Kompliment zu machen, und lobte ihre kulinarischen Schöpfungen. Anne dankte mit einem Küsschen auf die Wange.

 

ANNE

Unbefangen hatte Anne ein Bein auf dem Ecksofa hoch gelegt und es sich gemeinsam mit Amor gemütlich gemacht, der schon behutsam die Regie übernommen hatte. Mit warmen Worten elektrisierte sie die Stimmung, plauderte über Freuden, Schwächen, Wünsche und Phantasien. Träumerisch gab sie offen Interna aus ihrem bisherigen Dasein zum Besten. Schon ein wenig weinselig wurde Bernd gar nicht bewusst, wie sie ihn erhitzt vor sich her trieb. Ihre hübsch formulierten Lustgedanken gefielen ihm zwar, aber dagegen war er ein doch ein Musterknabe. Er ließ es über sich ergehen, denn er konnte eigentlich nichts zu ihren Abenteuern beitragen. Bernd war zwar auf Sankt Pauli im Vergnügungsviertel aufgewachsen, aber zu den Akteuren dort hatte er nicht gehört. Als Anne dann auch noch zu füßeln begann, fragte er schließlich tollkühn: „Bist du eine unmoralische Frau?“

Anne lachte: „Was meinst du, wieso unmoralisch?“ „Du bist verheiratet, trägst deinen Ehering und flirtest ernsthaft mit mir.“ „Aber warum auch nicht, meinst du denn das ist ein Keuschheitsring? Ich bin doch keine Nonne.“

Anne kicherte. Bernd stutze, wie konnte die Frau so verwegen sein? Wollte sie ihn in seiner Phantasie auf die Palme bringen, um ihm zum Schluss einen Korb zu geben? Doch er wollte standhaft bleiben und trotz seiner Erregung ihre offene Art nicht gleich als Aufforderung für ein plumpes ‚Start Up‘ ausnutzen, um dann wie ein Stier, zum Vergnügen für eine Anwesende in ein rotes Tuch rennen. Er bemühte sich um coole Neutralität. Anne empfand sein Verhalten prickelnd und weiter:

„Derartige Flirts sind in meinem Ehevertrag geregelt. Deshalb kann ich nicht unmoralisch sein. Moral, was ist das überhaupt? Was die frommen Kirchenmänner so erzählen? Aber halten die sich alle in ihrer Scheinheiligkeit daran? Der Homo sapiens ist nun mal nicht für die Monogamie gemacht. Das ist wissenschaftlich bewiesen. Aber Treue ist etwas anderes.“

Bernd überlegte, was wollte die Deern nun damit sagen?

Eine Pause.

Nun kraulte Anne ihn im Nacken und schon mit schwerer Zunge erklärte sie:

„So, nun ist gut. Du bist jetzt schon zu duun, um das alles zu verstehen, alter Mann.“

„Nein du - lasst uns man schlafen gehen. Es kommt doch nur noch dummes Zeug.“

Es war ja so gemütlich im Salon. Anne legte schließlich ihren Kopf auf Bernds Schulter und gab ihm einen Kuss auf die Wange:

„Zu mir oder zu dir?“

Nachdem sie das geklärt hatten, wurde es eine belebende Nacht. Im Morgengrauen weckte ein wenig unsanft Möwengeschrei die beiden aus ihren süßen Träumen. Der Wind war eingeschlafen und das Wasser spiegelglatt. Es schien ein sonniger Tag zu werden. Anne beschloss, einen faulen Tag einzulegen, was Bernd als Aufforderung zum Frühstückmachen deutete. Nach einer erfrischenden Runde im Meer um das Schiff herum, ohne die Badebekleidung  dabei nass zu machen, fanden sie es doch etwas kühl und wärmten sich gemeinsam unter der  Dusche. Dann machten sie kooperativ Frühstück und entschieden, noch einen Tag in der Bucht zu bleiben, da der Wind ohnehin zum Segeln nicht reichte.

Anne überlegte kurz:

 „Sag mal Bernd, was habe ich dir eigentlich gestern in meiner Weinseligkeit alles erzählt?“

„Es war nichts Verwerfliches. Du kannst aber sehr unterhaltsam plaudern, wenn du zwischendurch nicht so häufig den Faden verlieren würdest. Ich fand deine Ansichten und dein Ehelebeben schon recht interessant, obwohl ich es nicht wirklich verstanden habe. Du wolltest aber noch mehr erzählen und es erläutern.“

„Du hast mir aber auch noch nichts von dir erzählt.“

„Bei mir gibt es doch nicht viel. Das habe ich doch schon in zwei Sätzen gesagt.“

„Was willst du denn wissen?“

„Naja, durch deine Familienverhältnisse bin ich noch nicht durchgestiegen.“

Anne begann erneut nach dem Frühstück:

„Mein Ehemann ist Claus, der Bruder von Christians‘ Vater, Clemens, der hier auf See geblieben und verschollen ist.“

Bernd unterbrach: „Dann ist dein Mann Christians Onkel?“

„Du hast es erfasst.“

 Bernd überlegte: „Hm…, das kann schon mal passieren – kommt in den besten Familien vor.“

„Ja, so ist es, aber hier ist es etwas anders. Claus sieht gut aus und ist sehr charmant und lieb, aber er ist auch sehr schwul. Schon in der NS Zeit gab es Probleme und er wäre fast in ein Arbeitslager gesteckt worden, wenn nicht Parteifreunde es hätten verhindern können. Formell hatte man ihm damals dann eine Frau gegen Honorar als Verlobte zum Präsentieren an die Seite gestellt. Und nach dem Krieg gab es ja auch noch den Paragrafen 175 und das Problem war geblieben, aber die Menschen hatten damals andere Sorgen als sich um Schwule zu kümmern. Und dann kamen wir, Christian und ich als die Lösung.

Also, als ich einst nach der Flucht aus dem Osten den kleinen Christian mitbrachte, wurde ich für die Leute dann eben Claus‘ Affäre, die er während seiner Besuche in Berlin mit dem Kind hat sitzen lassen. Das war der offizielle Beweis für seine Heteroveranlagung. Dass ich eine Jüdin zu der Zeit sein könnte war auch sehr unwahrscheinlich. So stolperte auch niemand darüber, denn meine Papiere waren ja alle angeblich in Berlin verbrannt. Christian wurde ein Berliner, eine Hausgeburt, also ohne Klinik und Registrierung. Weil Clemens ja schon für tot erklärt worden war und er nach dem Krieg auch nicht zurückkam, haben sie mich zur offiziellen Ehe mit Claus überredet. Es wurde ein umfangreicher Ehevertrag mit x Klauseln verfasst, auch um möglichen Enteignungen durch die Sieger vorzubeugen oder um das Unternehmen später nicht mit Streitereien zu belasten. In der Konsequenz bedeutete es, dass das gesamte Betriebsvermögen an Claus, Christian und mich übertragen wurde. Die Schwiegereltern hatten je noch eine Stimme, Claus eine und ich zwei, so lange Christian noch minderjährig war. Aber du darfst nicht vergessen, dass das Unternehmen zu der Zeit völlig zerstört war und nicht nur wirtschaftlich, sondern auch als Trümmerhaufen am Boden lag. Heute ist es wieder größer als zuvor. Außerdem wurde Claus und mir privat vertraglich ein gesondertes Intimleben zugesichert.“

„Das ist aber schon ein sehr ungewöhnlicher Vertrag. Und das klappt?“

„Eigentlich hatte ich ja auch überhaupt keine Ahnung, was wir vereinbarten. Ich war noch nicht volljährig und hatte auch keinen Vormund. Da hatte man mich einfach zwei Jahre älter, also einundzwanzig werden lassen. Nein ich wusste damals nicht wirklich, was ich da unterschrieb. Ich wusste auch nicht, was ein gesondertes Intimleben in der Konsequenz bedeutete. Das ist mir viel später erst richtig klar geworden. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, es war schon ein genialer Schachzug, denn was hätte uns allen damals passieren können, wenn, ja wenn.“

Anne lachte verschmitzt:

„Aber ich bin auch zu einer vermögenden Ehefrau geworden und frei von ehelichen Pflichten. Wie Geschwister wohnen Claus und ich mit den Schwiegereltern in der großen Villa unter einem Dach in getrennten Wohnungen und verstehen uns alle ausgezeichnet.

Wir essen täglich mit der ganzen Familie zusammen. Claus und ich sind ein attraktives Ehepaar, das nur nicht miteinander schläft und wohnt. Auch als Christian noch klein war, hat Claus sich rührend um ihn gekümmert. Wie in einer ‚normalen‘ Familie hatten schon viel Spaß miteinander und machten häufig zusammen Familienausflüge. Wir erzählen uns alles, auch unsere Intimitäten.

Christian hatte sein eigenes Zimmer, schlief aber meist bei mir, weil wir die Nähe schön fanden und so aus Polen so gewohnt waren, als wir uns vor den Nazis versteckt hatten. So ist es denn auch noch lange bis zum Studium geblieben, wenn uns mal wieder zum Kuscheln zumute war. Einen Ödipus-Komplex hat er aber nicht entwickelt. Wir haben dann auch viel geredet, so wie sein Vater mich früher auch aufgeklärt hatte. Unbekümmert lernte er alles, wie eine Frau tickt, fühlt und sich anfühlt. So gab es für ihn auch keine pubertären, verklärten Geheimnisse, denn zu der Zeit wurde über Sexualität, über ‚sowas‘ ja nicht gesprochen. Für uns war es schon einfach normal.

Da die Ehe mit Claus nur eine Show ist, hatten wir auch noch nie einen Ehekrach und sind uns stets treu geblieben! Bei derartigen Eheverträgen ohne gegenseitigen, persönlichen Besitzanspruch muss man auch nicht warten, bis der Tod scheidet und kann schon vorher Spaß am Leben haben.“

Bernd überlegte und: „Denn hatte dein Clemens dich einfach mit Christian in Berlin im Stich sich nach Schleswig-Holstein abgesetzt?“

„Ach was, das war doch ganz anders. Du hast nicht richtig zugehört. Wir, Clemens, Christians leiblicher Vater, und ich haben uns im KZ in Polen kennen gelernt. Er war Soldat und ich war Häftling. Gemeinsam sind wir getürmt und haben uns bis kurz vor Kriegsende bei einem Bauern versteckt. Dort wurde dann auch Christian geboren. Ich war gerade mal sechzehn.

Gut, denn mal von vorn: Ich bin in Berlin geboren. Mein Vater war Goldschmied und wir hatten ein kleines Juweliergeschäft. Weil wir Juden waren, wurde ich gemobbt und konnte schließlich auch nicht weiter zur Schule gehen. Meine Eltern schickten mich zu Verwandten nach Polen in Sicherheit. Aber als der Krieg uns einholte, wurden auch da die Juden abgeholt und kamen ins Lager. Man munkelte, dass dort Menschen erschossen würden. Aber wir hatten ja nichts Unrechtes getan und glaubten, schlimmstenfalls in ein Arbeitslager zu kommen oder umgesiedelt zu werden. Doch das war ein Irrtum. Nur arbeitsfähige Personen hatten zunächst eine Chance und mussten hauptsächlich im Steinbruch arbeiten. Die anderen wurden erschossen, denn die großen Vernichtungslager waren damals ja noch nicht fertig. Aber so fing alles an.“

Anne stockte und überlegte. Bernd nahm ihre Hand und zog sie an sich.

„Wie gesagt, als wir als wir abgeholt wurden wussten wir ja nicht, was mit uns passiert. Erst als wir ins Lager kamen sickerte durch, dass dort tatsächlich Menschen erschossen würden, weil sie Juden waren. Wir mussten alles abgeben Wertsachen, Taschen und Koffer. Männer, Frauen und Kinder wurden getrennt. In den Baracken waren einfache Doppelstockpritschen und schreckliche Wasch- und Sanitäreinrichtungen.

Alles war kalt und stank. Clemens, Christians Vater, hatte das Kommando in der Asservatenkammer. Er hörte, dass ich Deutsch sprach und verpflichtete mich für die Arbeit dort. Obwohl ich das Gefühl hatte, dass er mich mochte, verhielt sich anfangs der Herr Obersturmführer mir gegenüber bewusst unhöflich und wenn jemand dabei war, besonders schroff. Aber trotz des absoluten Gespräch Verbots für die Inhaftierten, stellte er mir bald unauffällig private Fragen und auch, wie gut ich mich in Polen auskannte.

Ich erzählte dann, dass ich auch bei Bekannten meines Onkels auf einem kleinen Bauernhof den Sommer verbracht und auf dem Hof mit geholfen hätte. Ich hoffte so, in der Landwirtschaft arbeiteten zu können, falls ich zur Zwangsarbeit verpflichtet würde. Er wurde zutraulicher und wollte Genaueres über den Hof wissen. Später erzählte er mir einmal, dass da seine Fluchtgedanken konkret geworden waren, weil er dann einen Anlaufpunkt gehabt und gehofft hätte, für eine kurze Zeit dort unter kommen zu können. Er wollte sich dann weiter nach Schweden durchschlagen. Das wäre aber sehr naiv gewesen, denn der anfänglich erfolgreiche Russland Feldzug durchkreuzte seine Pläne. Zwar war er da mit seinem Latein am Ende, aber doch immer wieder optimistisch und erst einmal weg von dort aus dem Lager.

Ein paar Tage danach sollte ich noch unbemerkt warme Kleidung für mich und ihn zur Seite legen. Nichts Schickes aber warm sollte es sein. Ich schloss daraus, dass er türmen wollte, und ich dann wohl auch mit von der Partie sein würde. Schon länger hatte ich beobachtet, wie er offensichtlich von dem abgelieferten Geld und den Wertsachen etliches abgezweigte. Vieles davon hatte ich aus dem Futter der abgelieferten Kleidung heraus trennen müssen. Ich ahnte schon bald etwas, aber wir sprachen nicht darüber. Er fragte nur einmal beiläufig, ob ich spontan sei. Ich richtete mich mental auf eine Flucht ein.

Vierzehn Tage weiter war es so weit. Clemens wusste, dass an dem Tag viel getrunken würde. Draußen war es kalt, ein ziemlicher Sturm. Er befahl mir, ihm zu folgen und in einen ‚Kübelwagen‘ zu steigen und mich zu verstecken. Es war dunkel, später Nachmittag als wir das Lager verließen. Starkes Schneetreiben hatte eingesetzt. Beide schlotterten wir vor Kälte und Angst. Ein letztes Mal salutierte eine Wache für den Herrn Obersturmführer als er einen Fahrbefehl oder etwas Ähnliches hinhielt. Das war der gefährlichste Zeitpunkt zwischen Leben und Tod. Nun gab es auch kein Zurück mehr für uns. Aber welche Alternative hätten wir denn eigentlich dort noch gehabt?

Clemens hatte alles gut durchdacht und vorbereitet. Er hatte auch schon Proviant, besonders für mich, Wolldecken, warme Kleidung, Pelzmützen und Stiefel im Auto für unseren Fußmarsch deponiert, auch falls unser Plan nicht klappen sollte, oder wir eine Panne hätten. Er hatte sich Landkarten besorgt und die Route perfekt studiert.

Ohne zu wissen, wie die Straßenverhältnisse wirklich waren, fuhren wir mit einem seltsamen Gefühl im Schneetreiben los. Er meinte, dass die schlechte Sicht und die Dunkelheit unser Vorteil wäre. Aber er hatte ständig Angst, dass wir uns noch festfahren könnten, oder dass wir verfolgt würden. Er konnte gut fahren und wir kamen auch gut voran. Clemens hatte sich die Strecke eingeprägt und ich, mit Karte und Taschenlampe auf dem Schoß, markierte fortlaufend unsere Positionen und markante Punkte. Keine Konversation, nur mit gelegentlichen Hinweisen steuerte er unseren Fluchtwagen. Wir hatten unheimliches Glück. Ich bekomme heute noch Gänsehaut. Aber welche Alternative gab es denn im Lager für uns? Sollte Clemens weiterhin Menschen tot schießen und vielleicht mich auch? Oder sollte ich in irgendeiner Fabrik verrecken?“

Anne machte eine Pause. Bernd sagte nichts.

„Die Fahrt dauerte eine gefühlte Ewigkeit. ‚Jetzt müsste eine kleine Brücke kommen. Achte drauf! ‘ Sagte Clemens, steuerte ein Stück weiter den Wagen abseits in einen Waldweg und fuhr ihn in einer Böschung fest. Falls wir gesucht würden und die das Auto entdeckten, könnten sie annehmen, dass die Fahrt eigentlich noch weiter in eine andere Richtung hätte gehen sollen.

Dann schnappten wir uns das Gepäck und stapften querfeldein durch das Gelände zu dem Bachlauf, der in der Nähe unsers Ziels vorbei lief und folgten ihm. Unsere Spuren verwischte das Schneetreiben gleich wieder. Nur gut, dass Clemens so gut mit Karte und Kompass umgehen konnte. Alle paar Minuten kontrollierte er den Kompass mit der Taschenlampe, denn es war ja stockfinster. Allein hätte ich mich in der Wildnis verlaufen und wäre erfroren. Clemens staunte, dass ich so tapfer durchhielt. Er sah ja nicht, wie ich in seiner Spur mit meinem Gepäck und letzter Kraft hinter her taumelte. Nur einmal machten wir eine kurze Pause, um einen Schluck Tee aus seiner Feldflasche zu nehmen. Glücklicherweise hatte schon etwas von dem Proviant im Auto gegessen, denn ich hatte ja nur die ‚Schei… Lagerdiät‘ im Magen. Ich weiß nicht, nach wie vielen Stunden wir tatsächlich das kleine Gehöft frühmorgens im Dunkeln erreichten. Ich glaubte schon nicht mehr dran. Es kam mir wieder wie eine Ewigkeit vor. Wir schlotterten beide, weil wir wohl auch nicht wussten, was uns jetzt erwarten würde.

Die alten Bauersleute, so Ende 60, gingen schon immer früh ins Bett, spätestens um acht Uhr. Ich wusste, dass die Schlafstube neben der Küche lag und klopfte zaghaft mit gemischten Gefühlen an das Fenster. Ängstlich hatte der Bauer sich seinen Mantel übergeworfen und eine Laterne angezündet, denn Elektrizität gab es zu der Zeit dort in der Abgeschiedenheit ja nicht. Er öffnete schlaftrunken und erwartungsvoll einen Spalt die Küchentür. Seine Frau hatte sich abwartend im Bett aufgesetzt. Als sie verwundert meine Stimme hörte, sprang sie aus dem Bett und bat uns, ohne zu überlegen, in die warme Küche. Wir klopften gegenseitig den Schnee von der Kleidung, zogen unser feuchtes Schuhzeug aus und traten ein.

Clemens stellte sich nur mit seinem Vornamen vor. Nun kannte ich ihn auch endlich, denn bisher war er ja für mich stets ‚Herr Obersturmführer‘. Nein, ich sagte nicht, dass er ein SS Mann war. Das war wohl besser so. Aber dass er kein Mithäftling war, vermuteten sie sicherlich. Später erzählte ich nur einmal, er sei ein ‚Aufpasser’ gewesen.

Der alte Bauer zögerte. Wenn sie uns beiden Unterkunft gewährten und wir erwischt würden, bedeutete es für alle den Tod, denn sie säßen nun ja auch mit im Boot. Doch er hatte auch Mitleid mit uns. Ich entschuldigte mich für den nächtlichen Überfall und berichtete von dem unsäglichen Lager. Sie hatten schon davon gehört, dass wir abgeholt worden waren, aber Genaues wussten sie nicht. Wir baten, auf dem Heuboden schlafen zu dürfen, bis wir weiterziehen würden, obwohl wir gar keinen Plan hatten, denn im Stillen hatten wir gehofft, bleiben zu können. Nein, nicht auf dem Boden, wir sollten uns doch erst einmal im Wohnzimmer schlafen legen, meinte die Frau.

Ich schlief auf dem weichen Sofa und Clemens auf dem harten Holzfußboden mit dem Rucksack unter dem Kopf. Im Lager war es umgekehrt. Da musste ich auf der harten Pritsche schlafen und Clemens im Bett auf einer weichen Matratze. Wir deckten uns bisschen mit irgendwas zu. Obwohl wir hundemüde waren, konnte durch die Ereignisse unserer Flucht von Schlafen zunächst keine Rede sein und Clemens? Er fühlte sich verantwortlich für unsere Aktion, die ihn doch sehr belastete. Er betete und weinte und schluchzte, dass ich fast ein wenig Mitleid bekam.

Der kleine Raum wurde wenig genutzt, war auch nicht geheizt, weil die beiden Alten ja meist in der Küche lebten. Ich hätte mir auch nie zuvor im Traum vorstellen können, einmal mit einem SS Mann in einem Zimmer zu schlafen. Am Morgen wusste ich, es war kein Traum und mir wurde klar, dass er im Grunde doch sehr lieb und höflich war. Was in seinem Kopf vorging, wusste ich natürlich nicht. Wir sprachen untereinander auch mit keinem Wort über das Lager. Was hinter uns lag, gab es im Moment einfach nicht mehr. Und doch war es zwischen uns so ein gewisses Belauern, denn wir kannten uns ja gar nicht wirklich. Ich spürte aber schon, dass wir beide aus zwei ganz verschiedenen Welten kamen.

Unter dem Kruzifix auf der Eckbank in der Küche waren wir am Morgen zusammen gerückt. Die Bäuerin hatte den Herd angeheizt und das spartanische Frühstück auf dem rohen Tisch platziert. Clemens hatte mir auch schon etwas Geld gegeben, damit ich es der Bäuerin gleich noch vor dem Frühstück zustecken sollte, um unsere Bleibechance zu erhöhen. Das war sehr gut. Als der Bauer aus dem Stall zurück kam schnitt sich jeder eine dicke Scheibe selbstgebackenem Brot auf der blanken Tischplatte ab und schmierte etwas Selbstgemachtes drauf, Marmelade, Fett oder Quark und dazu ein Becher warme Milch. Einfach, rustikal nicht so opulent, wie Clemens es in der letzten Zeit sicherlich gewohnt war, aber es schmeckte ihm offensichtlich auch und mir erst recht. Eine gewisse Spannung lag in der Luft. Wortkarg ging es zu. Nun musste man überlegen wie es weiter gehen sollte. Die Bauernleute gaben uns zu verstehen, dass sie uns bei dem Wetter nicht gehen lassen könnten, und trotz der großen Gefahr dürften wir vorerst bleiben, aber in der Wohnung wäre es für alle zu gefährlich.“

„Da ist euch aber ein Stein vom Herzen gefallen. Alleine, ohne dich, hätte Clemens wohl nicht in der Fremde bei dem Wetter überlebt“, unterbrach Bernd gedankenvoll.

„Das war ihm auch bewusst. Und ich allein hätte nicht fliehen können. So war das. Irgendwann später sagte mir Clemens, wenn die Bauersleute uns abgewiesen hätten, dann hätte er sie mit seiner Pistole gezwungen.

Es war ein kleiner Bauernhof, ein Pferd, zwei Kühe, vier Schweine, ein paar Schafe und Federvieh und einige Bienenkörbe. Entsprechend waren auch die Ausmaße der Gebäude. Im Viehstall war auch das Plumpsklo und eine Waschküche mit einem Herd und einem Kessel zum Wäsche kochen oder wenn geschlachtet wurde. Dann war da auch noch auf dem Hof ein offener Ziehbrunnen. Auf einer hohen Baumgabel lag ein dicker Ast und an dessen Ende wiederum ein dünner senkrechter mit einem Eimer dran. Der wurde dann zum Schöpfen in den Brunnen geführt. Durch das Gegengewicht wurde das Aufholen des gefüllten Eimers leicht. Auf den Heuboden führte eine klapprige Holzleiter durch eine Luke.

Der Bauer kletterte mit Clemens hinauf, um sich nach einem versteckten Platz im Stroh umzusehen. Der Stall war oben ganz aus Holz gebaut. Vor einer Nische wollte Clemens mit den Brettern und Latten, die dort noch lagerten, einen Verschlag zimmern und rundum alles mit Heu und Stroh abdecken. Keiner würde dahinter noch einen Raum vermuten. Der Bauer war einverstanden. Seine einfachen Werkzeuge reichten für das Vorhaben auch völlig aus, fand Clemens.

Erstaunt war ich von Clemens handwerklichem Geschick und wie schnell und perfekt ihm die Arbeit von der Hand ging. Der Eingang zu dem Raum war von innen mit einer Querlatte fest zu verriegeln und nicht unter dem Heuhaufen erkennbar. Vor die Lüftungsöffnung in der Außenwand zimmerte er eine Klappe. Durch die Stallwärme unter dem einfachen Holzfußboden war der Raum auch einigermaßen temperiert, stellten wir fest. Den Stallgeruch nahmen wir schon bald nicht mehr wahr. Ich hatte ihm tatkräftig bei der Arbeit geholfen. Auch alte rostige Nägel aus einer Holzkiste schlug ich wieder grade, denn neue gab es nicht. Die Arbeit brachte uns beide schon näher und lenkte ja auch von unserer prekären Situation ab. Schon am nächsten Tag, als die ‚Höhle‘ fast fertig war, hatten wir auf Stroh dort oben geschlafen, um uns zu verstecken, falls das Haus durchsucht würde. Wir hatten Glück. Auch in der Zukunft wurde nie kontrolliert werden. Unser gesamter Besitz hing an Nägeln in den Wänden, was nicht hängen konnte stand auf Bretterborden. Bei der ‚Raumaufteilung‘ waren wir beide uns einig – bis auf bei den Kojen.

Ich meinte, ein einzelner Schlafplatz in der Enge des Raums wäre doch sinnvoller als zwei. Außerdem könnte man sich dann ja auch gegenseitig etwas wärmen, falls erforderlich, denn unsere erste Nacht fand ich doch etwas sehr kalt wie im Lager.

Eigentlich war es ein wenig spaßig gemeint, aber weil ich ihn so erwartungsvoll ansah und wohl auf seine Zustimmung hoffte, war er einverstanden. Ich fand es einfach normal, wenn man so zusammen wohnte. Da war bewusst kein erotischer Gedanke dabei, denn ich hatte ja keine Ahnung, dass sich so etwas entwickeln könnte und auch was das überhaupt war - woher auch? Allerdings reizte mich emotional seine Nähe, ohne zu wissen, wieso. Aber das ist wohl von der Natur so eingerichtet. Der Verstand ist dagegen machtlos. Clemens hatte sich vorgenommen, dass es durch seine väterlich, fürsorgliche Haltung zu keiner intimen Beziehung kommen sollte, sagte er mir später einmal.

Der Bauer hatte eine Laterne und zwei große Schaffelldecken spendiert. Eine legten wir auf das Stroh in der ‚Schlafbox‘ die andere war zum Zudecken. Eigentlich war für jeden eine zum Zudecken gedacht, aber sie waren doch recht groß für die schmale Koje.

Die folgende Nacht wurde denn auch für mich zu einem schrecklich aufregenden Abenteuer, als Clemens zu mir unter die kuschelig warme Decke kroch. Wir schliefen in Doppeladler Position, Rücken an Rücken. Ich hatte Herzklopfen und rutschte schüchtern immer weiter an die Seite, um ihn nicht zu berühren. Nach einer Weile hätte ich es allerdings zu gern getan, als es so mollig warm wurde. Clemens hatte eine so liebevolle Art, dass ich mich in den feschen Mann verknallte. Schon bald musste er zugeben, dass ich Recht gehabt hatte – zu zweit war es dann doch angenehmer im lauschigen Fell der ‚Schlafbox‘ und das Wärmen funktionierte gut. Ich verliebte so sehr in ihn und war ihm regelrecht verfallen. Ich glaube Clemens ging es ebenso. Er sagte aber auch nichts.

Im innersten meines Herzens hatte ich wohl auch Sehnsucht nach einem neuen Zuhause, nach familiärer Wärme und Liebe, denn ich hatte ja sonst niemanden mehr auf der Welt. Er meinte nur, solange wir uns in der kleinen Höhle versteckten, müssen wir immer ganz lieb zueinander sein und uns nie streiten. Dann gab er mir den ersten kleinen Kuss auf die Stirn und meinte, ich sei doch ein vernünftiges Mädchen. Die nächsten Tage krochen wir abwechselnd in das Fell, um uns aufzuwärmen. Ich fühlte mich dann so wohl, dass ich begann mich am ganzen Körper zu streicheln.

Nach vier Nächten war ich leidenschaftlich so aufgeladen, dass ich eigentlich nicht wusste, wieso und was mich antrieb. Unbewusst begann ich in meiner natürlichen Teenagerlust, mich selbst wieder am ganzen Körper zu streicheln und dann auch Clemens vorsichtig mit einer Hand zu ertasten. Er genoss es offenbar und ich auch. Als dann im Halbschlaf intuitiv meine Hand weiter bei ihm den nicht öffentlichen Sperrbereich berührte, erschrak ich und zog meine Hand kurz zurück, denn es war ja ganz anders, viel größer, als ich es einst bei den Putten im Park und auch kurz bei ihm gesehen hatte. Spontan fragte ich: ‚Bist du krank‘? ‚Nein‘. Doch gleich darauf überkam mich schon ein Sinnesreiz wie ein langer Elektroschock, dass ich mir auf die Lippen beißen musste, um nicht zu schreien. Aber irgendwie wahnsinnig schön – ja, so war es! Christian hatte es gemerkt aber nichts gesagt. Warum nicht?

Ich freute mich nun den ganzen Tag, und konnte es kaum erwarten, wieder gemeinsam mit ihm unter das Schaffell zu kriechen, um das Ritual zu wiederholen. Doch wo Amor nun schon so viele Pfeile verschossen hatte, konnte Eros nicht länger müßig bleiben. Ich hatte im Grunde gar keine Ahnung, aber Clemens reagierte, denn er kannte das Spiel. Sanft und liebevoll erlernte ich von ihm die aufregendste und schönste Sache der Welt, die uns fortan unermüdlich unsere Tage und Nächte in der Quarantäne versüßte.

Da ich noch nie von diesem Phänomen gehört hatte, glaubte ich, das sei unsere Erfindung und hätte auch ganz naiv mit jedem darüber geplaudert, aber Clemens sagte, dass wir niemandem von unserem Geheimnis erzählen sollten - und wem auch? Es war stets so lustig und schön, dass mir manchmal sogar die Tränen kamen. Schon bald wurde mein geheimes Verlangen so groß, dass ich immer daran denken musste und Clemens gleich um Vollzug ersuchte. Er fragte mich dann: ‚Woran denkst du? ‘ Später wurden aber meine Signale so stark, dass Clemens sie wortlos empfing, egal wo wir gerade waren, obwohl es ihm häufig schon zu viel wurde. Er sagte, da es doch unser Geheimnis wäre, müssten wir darauf achten, dass uns niemand sehen konnte. Ich war so glücklich, dass er mir praktisch mein Leben geschenkt hatte und mir dann ständig mit unserer zärtlichen Erfindung so viel Freude bereitete.

Vermutlich hat der intensive, tägliche Sex in meinen frühpubertären Jahren eine besonders sinnliche Emotion erzeugt, die es mir leicht macht, mich zu öffnen und unverhohlen meine Gefühle zu zeigen. Schon der kleinste Funke löst bei mir noch heute einen Reiz aus, auch wenn ich mich beherrschen kann. Aber ich bilde mir ein, man sieht es mir an, auch wenn ich dabei nicht rot werde.

Clemens hatte auf alle meine Fragen eine Antwort, und er freute sich, dass ich alles so interessiert aufnahm. Es waren lebendige Gespräche stundenlang auf Augenhöhe, anschaulich, kurzweilig und nicht belehrend. Deshalb machte mir ja unsere tägliche Plauderei auch so großen Spaß. Er sagte, das lenke uns auch von unserem Höhlendasein ab, damit wir keinen Käfigkoller bekämen. Weil es ja kein Radio und keine Musik gab, sang ich Clemens etwas vor oder wir sangen gemeinsam. Dann schnitzte er eine Blockflöte aus einem Weidenzweig, noch eine und noch eine bis er einigermaßen die Tonleiter schaffte. Wir übten beide, was sich aber meist sehr orientalisch anhörte. Doch es gelang mir schließlich, etwas wie ‚Hänschen klein‘ zu Gehör zu bringen.

Da ich ja in der Schule als Jüdin gemobbt worden war, bis ich sie schließlich in Berlin so früh verlassen musste und nach Polen zu Verwandten kam, gab es in meiner pädagogischen Entwicklung definitiv eine Lücke. Wissbegierig saugte ich auf, wenn Clemens so kurzweilig mir das Leben im ‚Heimunterricht‘ erklärte. Er tat es, während unserer ganzen Quarantänezeit, denn es gab ja sonst keine Abwechslung, keine Bücher, keine Lektüre, kein Papier zum Schreiben. Es gab keine Verpflichtungen, keinen existenziellen Kummer oder Neid, was uns hätte ablenken können. Wenn wir nicht auf dem Hof halfen, gab es nur noch unsere endlosen Gespräche, unsere Brettspiele und unsere täglichen Aufwärmrituale.

Clemens hat mich fortwährend mit seinem Humor, seinem Alltagswissen, seinen toleranten Moral Philosophien bestärkt, stolz eine selbstbewusste Frau zu werden und auch wie ein Mann zu denken und zu fühlen. ‚Wenn wir hier unsere Zeit heil überstanden haben werden, wirst du mehr vom Leben verstehen, als was du in der Schule gelernt hättest. Dort wirst du nämlich als Frau eher zum Untertan erzogen. Lebe und liebe wie es dir gefällt und nicht so, wie andere es gerne hätten. Lerne bewusst, eine eigene Meinung zu vertreten, Entscheidungen zu treffen, Gefühle zu leben und selbst dein Leben in die Hand zu nehmen. Stelle dich menschlich nie in die zweite Reihe. Wenn einer gut ist, dann bist du besser, aber nicht etwas Besseres. Finde selbstbewusst, zart und hart deine Grenzen. Dein Wissen und deine Sprache sind deine Werkzeuge und dein weiblicher Charme deine Bühne‘!

Das hat er mir wohl täglich vermittelt. Heute muss ich sagen, er hat mich ganz schön nach seinen Vorstellungen in meinen naiven Entwicklungsjahren gedrillt, programmiert und manipuliert und das war gut so. Ja, und ich weiß heute auch, dass er es von seiner Mutter hatte. Die hat nämlich die gleiche selbstbewusste Art. Deshalb verstehen wir uns wohl so gut auf Augenhöhe.

Nachdem wir später vom Pfarrer Bleistift und Papier bekommen hatten, habe ich täglich Tagebuch geführt. Weil ich aber in der Grundschule nur das Alphabet und ein paar einfache Worte gelernt hatte, schrieben Clemens und ich es gemeinsam. Ich fand es toll, dass ich lernte, so meine Gedanken zu Papier bringen zu können und die Rechtschreibung zu erlernen. Mein ‚Clemens-Lexikon‘ hatte ich ja immer dabei. Weil es mir so viel Freude bereitete, schrieb ich immer mehr, auch frei und unbekümmert über unser Intimleben und Clemens fand es gut, half und korrigierte. Ich wusste ja nicht, dass es ein gesellschaftliches Tabu war, falls das Thema unter die Bettdecke ging. Clemens freute sich, wenn ich dann so naiv putzige Worte dazu erfand. Ich hörte nie von ihm ‚– so was sagt man nicht - tut man nicht – gehört sich nicht –‚ also alles Aussagen, die sonst bei Pubertierenden schon Weltkrisen verursachen können.

Mit einfachen Strichen malte er die Landkarten von Deutschland, Europa und der ganzen Welt. Das fand ich spannend. Wenn wir darüber sprachen, schrieb ich die Namen der Städte und Länder dazu. Clemens erklärte mir die Welt, in die wir nach dem Krieg reisen werden, wenn wieder Frieden sein wird. Mit dieser Illusion kamen wir gut durch die Zeit.

Bei so viel räumlicher Nähe war es ja nicht anders zu erwarten, dass unser unersättlich, tägliches Liebesspiel schon bald fruchtete. Als Kinder hatten wir ursprünglich gelernt, dass der Klapperstorch involviert war, wenn plötzlich ein Baby kam. In der Grundschule hatten wir gelernt, dass es neue Blumen gäbe, wenn die Biene auf der Blüte säße und Honig schleckte. Damit konnte ich nun überhaupt nichts anfangen. Schließlich wurde ich von den größeren Mädchen aufgeklärt: Wenn ein Mann eine Frau küsste, dann bekäme sie ein Kind. Das schien mir logisch. Deshalb habe ich auch immer darauf geachtet, dass ich Clemens zuerst küsste. Aber ich wurde schwanger trotz aller Vorsicht.

Clemens klärte mich auf und kümmerte sich fürsorglich während der Schwangerschaft um mich gemeinsam mit der Bäuerin. Zu meinem Entzücken wuchsen auch meine Brüstchen zu einer guten Handvoll eines Mannes heran. Beileibe erreichten sie aber nicht das Volumen das der Bäuerin. Sie beruhigte mich, falls es bei mir nicht für das Kind reichen sollte, fütterten wir eben Kuhmilch dazu. Außerdem fand ich, kleinere Brüste hätten ja auch den Vorteil, dass man nachher nicht ewig damit herumschleppen müsste, wenn man sie nicht mehr brauchte. Das fand Clemens auch.“

Anne unterbrach ihren Monolog.

„Sag mal Bernd, wie findest du denn meine Brüste?“

„Deine Brüste? Wieso?“

„Findest du sie gut oder sind dir die Dirndelwölbungen lieber?“

„Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“

„Gut, denn wollen wir das Thema nicht vertiefen. Also, neun Monate später waren wir zu dritt. Christian kam in der kleinen Bauernküche auf einem Strohsack als gesunder Knabe auf die Welt. Fachkundig begleitet von der alten Bäuerin – kein Problem, meinte die, weil sie doch schon vielen Kälbern auf die Welt geholfen habe.  

Clemens bastelte einen ‚Kinderwagen‘, praktisch eine Schubkarre mit zwei Holzrädern. Die Bauersfrau sponserte einen Wäschekorb, der genau darauf passte. So konnte der kleine Christian stets dabei sein, wenn wir uns weiterhin auf dem Hof nützlich machten - im Stall und auf dem Feld, Christian war immer dabei. Bei schönem Wetter gingen wir zusammen runter zum Bach, planschten im knietiefen Wasser und spielten auf der Wiese.

Wir lernten das bescheidene Leben auf dem Land und den Umgang mit den Tieren und den Lebensmitteln. In dem Bewusstsein, dass der Krieg nicht ewig dauern könnte, vermissten wir eigentlich nichts und waren zufrieden, denn es gab ja nicht den zivilen Wettbewerb und die Möglichkeit nach räumlicher Veränderung. Die Bauersleute freuten sich über unsere Hilfe und wir uns über das einfache, saisonale Essen. Freitags holten wir uns aus den Stellnetzen unten im Bach ein paar Fische zum Braten oder für die Suppe. Fleisch gab es ein kleines Stückchen einmal in der Woche. Und abends gab es meistens Bratkartoffeln in Milchsuppe oder ausgelassenen Speck in der Pfanne, in die jeder Pellkartoffeln mit seiner Gabel stippte. Wir lernten melken und Clemens reparierte alles Mögliche. Er lernte das Mähen mit der Sense und half in der Ernte. Mittlerweile war unsere Angst, entdeckt zu werden, nahezu verflogen. Der Bauer beantwortete neugierige Fragen mit, wir seien Verwandte oder Bekannte aus der Stadt.

Nur der Pfarrer war schon nach kurzer Zeit eingeweiht worden. Ich kannte ihn ja, weil ich dort auf dem Hof auch meine Ferien im Sommer verbracht hatte. Er war keiner jener Betbrüder, die nur auf der Erde wandelten, um mit Sprüchen die Welt zu verbessern oder mit erhobenem Zeigefinger unsere sündige Zweisamkeit und unseren unehelichen Geschlechtsverkehr zu missbilligen. Er war ein Kümmerer, sehr realistisch in Wort und Tat. Er kam häufiger auch unsertwegen, da wir ja mit unserer Flucht so viel Mut bewiesen hätten, uns fleißig auf dem Hof betätigten und die Alten unterstützten. Wir freuten uns auch, wenn er kam, da sonst kaum Neues aus dem Land und der Welt zu uns in die Abgeschiedenheit drang. Allerdings beschäftigte uns das Wissen über den Kriegsverlauf doch sehr.

Er wurde aber auch zum ‚Geldwäscher‘, denn es ging um die Barmittel, über die Clemens aus dem Lager reichlich verfügte. Die Bauersleute konnten nichts ausgeben ohne aufzufallen. Sie führten ja ein sehr bescheidenes Leben. Doch auf dem frommen Weg war nun ein kleiner Warenverkehr möglich, und wir konnten uns auch bei unseren Gastgebern bedanken und ihnen den einen oder anderen Wunsch erfüllen. So brachte er uns auch die komplette Babyausstattung oder mal ein gebrauchtes Kleidungsstück mit. Für unser Homeschooling bekamen wir Bleistift und Papier, das auch zum Üben einseitig bedruckt sein konnte. Er überraschte mich auch mit einem Spiegel, da es im ganzen Haus nur einen kleinen in der Küche gab. Dafür empfing der Gottesmann dann bei seinen Besuchen jedes Mal eine angemessene ‚Spende‘. Ob er wusste, woher das Geld stammte? Er fragte nicht.

Da Clemens ja mit mir ohne den christlichen Segen in Sünde lebte, würde der Pfarrer gerne Ordnung in unser Seelenleben bringen. Er wollte uns katholisch trauen und Christian und mich gern katholisch taufen. Wir willigten ein und waren froh darüber, weil wir dann ja auch eine irdisch beurkundete himmlische Existenz hätten – oder umgekehrt. Aus Furcht entdeckt zu werden, wollten wir aber nicht in die Kirche kommen.

In der Wohnstube des kleinen Bauerhauses wurden wir getauft und der heilige Bund fürs Leben geschlossen. Der Bauer und seine Frau bezeugten es. Ich hieß von da an Anne von Bruninghausen und fand den Namen toll. Wir bekamen den Segen und die christlichen Zertifikate, die wir später sicherlich noch gut als Beleg für unsere Existenz brauchen könnten, meinte Clemens.

Die Informationen, des Pfarrers aus dem Land und der Welt waren bedrückend. Viele arbeitsfähige Männer und Frauen aus Polen würden nach Deutschland deportiert für Arbeiten in der Rüstungsindustrie. Glücklicherweise seien ja unsere Bauersleute zu alt dafür.

Um unsere Situation und das kriegerische Chaos zu beurteilen, wollte Clemens einen Detektor Radioempfänger bauen, der keine Stromversorgung benötigte. Die einfache Schaltung dafür hatte er noch aus der Schulzeit im Kopf. Er hatte den Pfarrer gebeten, ihm verschiedene Dinge zu besorgen, aus denen Clemens etwas kreieren wollte. Nun konnte der Gottesmann nicht in einen nächstbesten Laden gehen, aber er kannte ja seine Schäfchen und wusste, wo am ehesten etwas zu finden wäre, vielleicht auch ein altes Telefon oder sonst ein ausrangiertes Teil. Sein Stöbern war erfolgreich.

Und so konstruierte Clemens das Detektor Gerät. Der Kristall war ein echter Brillant aus seinem Fundus. Schon bald brachte es die ersten Töne aus der Hörermuschel eines alten Feldtelefons hervor. Allerdings brauchte es schon etwas Gewöhnung, um das Gesprochene zu verstehen, das von Störsendern zeitweilig übertönt wurde. Auch wenn es Propaganda von Ost und West war, wusste Clemens es schon einigermaßen richtig zu interpretieren, um sich eine Vorstellung von der Front zu machen. Die Kriegsparteien warfen sich gegenseitig schwerste Verbrechen vor.

Er fühlte mit den Menschen bei Freund und Feind besonders bei der Kälte und als der Feldzug im Osten zum Stehen kam. Was musste das für ein Elend sein? Und was haben die vielen Fliegerbomben der Engländer und Amerikaner zu Hause angerichtet? Ja, und wann und wie könnten wir da je wieder raus? Und wohin? Um uns herum schien es doch nur noch Mord und Totschlag in der Welt zu geben. Und was würde uns zu Hause erwarten? Welches zu Hause? Würden jetzt die vielen Verfolgten und Unterdrückten aufstehen und zurückschlagen? Sollten die nun erneut ein Caos verursachen wie nach dem Krieg die Kommunisten in Russland? Tausend Fragen gingen uns immer wieder durch den Kopf.“

Bis jetzt hatte Bernd Anne andächtig zugehört, ohne sie zu unterbrechen, denn sie konnte ja so gefühlsbetont erzählen. Sie hatten sich mittlerweile mit einem Drink auf das Vorschiff in die Sonne gelegt, und Anne berichtete weiter:

 „Clemens Gemütslage pendelte zwischen Dankbarkeit, nicht in den mörderischen Kämpfen aktiv sein zu müssen und einem schlechtem Gewissen, seine Kameraden im Stich gelassen zu haben. Aber es war auch die Ungewissheit, was die Zukunft wohl bringen würde. Letztlich überwog aber im Augenblick die seltene Schicksalsfügung, die Glücksmomente mit seiner bezaubernden Anne, wie er sagte, und unserem Sprössling friedlich und gesund leben zu dürfen.

Aber was würde sein, wenn die Russen hier kämen und in jedem Haus wie die Wandalen ihr Unwesen trieben? Wenn Clemens dann erschossen und ich vergewaltigt würde? Und was passierte mit Christian? Diese Informationen aus dem Radio konnten nicht nur Propaganda sein. Der Krieg schien gegen Ende 1944 vorbei zu sein. Die deutschen Truppen wurden an allen Fronten zurück geworfen. So beschloss Clemens, sich zunächst allein durchschlagen und wenn Frieden sei, zuschreiben wo er für uns drei eine sichere Bleibe gefunden habe. Sein Plan war, ein Schiff auf der Ostsee nach Schweden zu bekommen. So lange könnten wir uns gut getarnt in unserer Butze auch vor den Russen verstecken, wenn sie denn kämen, meinte er. Im Rückblick war das allerdings sehr naiv gedacht.

Es war unser letztes gemeinsames Weihnachten 1944: Die Wohnstube im Bauernhaus war geheizt und angenehm warm. Auf dem Tisch eine weiße Decke, etwas Tannengrün und fünf Kerzen, eine für jeden Anwesenden. Der Bauer hatte ein Kaninchen geschlachtet, woraus die Bäuerin einen herzhaften Braten gezaubert hatte mit Klößen, Soße und eingelegtem Gemüse. Und danach gab es eingemachte Kirschen. Es schmeckte köstlich und es war still am Tisch. Daran änderten die paar Gläschen mit Selbstgebranntem auch nichts. Nur der kleine Christian versuchte etwas Stimmung zu machen. Alle dachten daran, was jetzt wohl die nächst Zeit bringen würde, sprachen aber nicht darüber. Wir haben auch nie erfahren, ob unsere Bauern auch Kinder hatten, oder ob möglicherweise ein Sohn auch Soldat war.

Wir wollten den Abschied am nächsten Vormittag nicht so schwer machen. Wir wollten auch nicht weinen, aber feuchte Augen hatten wir schon. Clemens dankte allen und verabschiedete sich bei mir und klein Christian mit einem lagen Kuss. Wir alle wünschten ihm viel Glück.

Gut ausgerüstet stapfte er durch den tiefen Schnee Richtung Norden davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Dann musste ich aber den Rest des Tages weinen. Es war ein Abschied für immer. Wir haben uns nie wieder gesehen.

Schon gleich nachdem Clemens uns in Polen verlassen hatte, bin ich ihm gefolgt. Noch vor Silvester habe ich mich auch auf den Weg gemacht. Entgegen unserer Abmachung hatte ich überlegt, dass ein Bleiben noch gefährlicher sein könnte als die Flucht mit vielen anderen. Außerdem sah man es mir ja auch nicht an der Nasenspitze an, dass ich eine Jüdin war. Ich wollte es Clemens vorher aber nicht sagen, dass ich auch nicht in Polen bleiben würde, um ihn nicht zu beunruhigen.

Der Bauer hatte klein Christian und mich damals mit dem Pferdeschlitten zur Haupttrasse der Flüchtenden Richtung Berlin und Dresden gebracht. Schon bald konnte Christian nicht mehr laufen und ich musste ihn tragen. Glücklicherweise konnte ich ihn mit meinem Rucksack nach einigen Kilometern Fußmarsch auf einen Handwagen legen, wo auch schon ein kleines Kind lag.

Gemeinsam zog ich dann mit der jungen Frau weiter - Tag und Nacht mit kurzen Pausen. In irgendeinem kleinen Bahnhof erwischten wir eine, schon überfüllte Bahn Richtung Westen.

In der Nacht unterwegs, dichtgedrängt in der Bahn, zog dann eine Mitreisende eine Schnapsflasche aus ihrer Manteltasche, nahm einen Schluck und reichte sie mir: ‚Prost Neujahr! Hoffen wir, dass alles wieder gut wird‘. Ich nahm einen Schluck, schüttelte mich und quälte mir ein Lächeln ins Gesicht, wobei ich mit den Schultern zuckte. Ich wusste ja auch nicht, was mich an meinem Ziel erwartete, falls wir so weit kämen.

Als wir dann Dresden erreichten, waren da schon tausende Flüchtlinge, die nicht weiter wussten wohin. Doch wir hatten ein Ziel und ergatterten nach ein paar Tagen einen Transport in Richtung Rheinland.

Und wieder hatten wir Glück, denn kurz nach unserer Weiterreise ermordeten und verbrannten amerikanische und britische Flieger in Dresden mit den geächteten Phosphorbomben über 35ooo Menschen an zwei Tagen.  

Clemens hatte mir ja schon einen Plan gezeichnet, wo sein Zuhause war. Nach verschiedenen, nächtlichen Aufenthalten in Hallen oder Hausruinen und x-fachem Umsteigen, Märschen und Fliegerangriffen erreichten wir Ende Januar 1945 schließlich unser Ziel, Clemens‘ Elternhaus.

Es war um die Mittagszeit und kalt und feucht, als wir ziemlich erschöpft und fröstelnd vor dem noblen Eingangsportal der Villa ankamen. Da standen wir nun wie ein Bettlerduo in unserem ärmlichen Outfit, ich mit Pelzmütze, Pelzstiefeln, einem verschmutzten, langen Steppmantel und dem alten Rucksack. An meiner Hand Christian mit triefender Nase, einer Wollmütze bis weit ins Gesicht gezogen und in einer zu großen Jacke, die mit einem Strick zusammen gehalten wurde. Die langen Ärmel schützten auch die Hände zusätzlich vor der Kälte. Um seine Schuhe hatte die Bäuerin haltbar Tücher geknotet. Zaghaft mit Herzklopfen betätigte ich den großen Türklopfer und musste spontan an Clemens denken, wie er in unseren vielen Gesprächen mein Selbstbewusstsein bestärkt hatte.

Ich war bereit, als die große Tür sich eine Handbreit öffnete. Ein energischer Blick aus einem eiskalten Gesicht mit beidseitig hochgesteckter Frisur erschien und versperrte entschlossen den Zugang:

‚Ja?‘

‚Guten Tag. Mein Name ist Anne von Bruninghausen – Frau von Bruninghausen? ‘

‚Nein – sie hat jetzt keine Zeit. Was wollen sie denn von ihr? ‘

‚Ich bin ihre Schwiegertochter‘.

‚Wie?‘

‚Ich bin ihre Schwiegertochter‘.

‚Schwiegertochter?‘

‚Ja!‘

‚Ich werde sie Frau von Bruninghausen melden, sobald sie mit dem Essen fertig ist. - Wie war doch gleich ihr Name? ‘

‚Anne von Bruninghausen und Christian von Bruninghausen.‘

‚Bruninghausen?‘

‚Ganz recht, Anne von Bruninghausen. ‘

Diesen ersten Dialog habe ich noch im Ohr. Was wäre, wenn man uns da abgewiesen hätte? Sitzblockade vor der Tür? Wir waren doch fix und fertig. In der Situation wäre ich zu Allem fähig gewesen.

Die Frau zögerte und musterte uns ein paar Denk- oder Schrecksekunden lang. ‚Kommen sie‘, und führte uns in die warme Halle, bot uns einen Platz in einem Sessel vor dem Kamin an und mit ‚einen Augenblick, bitte‘, ging sie. 

 Übermüdet, hungrig, fix und fertig saßen wir nun in dieser noblen, entfernten Welt, von der ich durch Clemens allerdings schon sehr viel erfahren hatte.

Gespannt und ungläubig erschien auch gleich die Mutter. Bevor sie etwas sagen konnte, stand ich selbstsicher auf, kramte aus meinem Brustbeutel meine Legitimationen hervor: Den Zettel, auf dem Clemens auch die Adresse und ‚liebe Grüße an alle – bis bald‘ geschrieben hatte und unsere christlich-katholischen Zertifikate. Unaufgefordert hielt ich es ihr sie hin:

‘Guten Tag, nein Name ist Anne und das ist Christian, Clemens‘ Sohn‘, wobei ich ihm die Mütze vom Kopf zog.

Erstarrt, wie vom Blitz getroffen, mit ungläubiger Miene, stand sie da, ging einen Schritt zurück und ließ sich, nur mich im Blick, hinter sich in den Sessel fallen und mit leiser Stimme kam:

‚Guten Tag.‘

Wie sie mir später zählte, wusste sie ja inoffiziell, dass Clemens als Fahnenflüchtiger mit einer Jüdin desertiert war, aber ich sah doch auch gar nicht wie eine Jüdin aus. Clemens war ja ‚dienstlich‘ verschollen und offiziell für tot erklärt worden. War diese junge Frau, die noch nicht einmal volljährig war, nun eine Hochstaplerin, oder hatte er tatsächlich überlebt und eine Familie gegründet?

Doch als ich Christian die Mütze vom Kopf zog und die neue Oma den kleinen Christian ansah, schluckte sie beherrscht: ‘Ist das wahr? Clemens lebt‘? Mit einem ungläubigen Lächeln stand sie langsam wieder auf, als wüsste sie nicht, was sie sagen sollte, streckte sie uns beide Hände entgegen: ‚Anne? Ich darf doch Anne sagen‘? Mir fiel ein Stein vom Herzen. Die neue Oma strahlte den kleinen Christian an: ‚Wie seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten - und du bist Christian? ‘ Sagte sie begeistert zu ihm. Zu müde zum Strahlen begnügte der sich etwas verlegen mit einem Schmunzeln.

Ganz hin und her gerissen von ihrem Enkel nahm Oma ihn spontan auf den Arm, wobei Reisedunst und -schmutz sie nicht davon abhalten konnten. Und klein Christian? Ihn konnte nichts mehr erschüttern. Er war nur noch hungrig und müde. Oma machte wieder eine Pause, setzte den Jungen zurück in den Sessel, als wüsste sie nicht weiter und dann drückte sie mich: ‚Ich kann es nicht fassen. Herzlich willkommen. Das ist ja ein wunderbarer Lichtblick in unserer traurigen Zeit. Ihr habt ja sicherlich eine recht beschwerliche Reise hinter euch? Woher kommt ihr denn jetzt? Und was ist mit Clemens‘?

‚Gemeinsam mit ihm wäre es für uns alle zu riskant gewesen. Er wollte zu nächst allein zurück ins Reich, um sich hier zu verstecken, oder nach Schweden, denn so lange noch Krieg wäre, müsste er ja mit der Todesstrafe rechnen. Er wollte schreiben, wenn es sicher wäre, aber ich konnte nicht so lange warten und bin ein paar Tage später auch gleich abgereist. Wir kommen aus Polen und sind seit Weihnachten unterwegs. ‘

‚Polen? - So, jetzt sollt ihr aber erst einmal etwas essen. Ihr seid sicherlich völlig ausgehungert - und dann ab in die warme Badewanne - und ins Bett. Frau Esser, unsere Haushälterin, wird in der Zwischenzeit das Gästezimmer herrichten und euch etwas zum Anziehen heraussuchen. Morgen reden wir weiter. ‘

Wären wir allerdings nach unserer Flucht mittellos in einem Auffanglager oder bei irgendwelchen fremden Leuten hungrig zwangseinquartiert worden, hätte ich sicherlich einen Realitätsschock bekommen, denn die Flüchtlinge waren meist nicht willkommen. Ja, schon was wir auch für einen Eindruck machten – wie Landstreicher. Das wurde mir später erst richtig klar.

Am liebsten wäre ich mit Christian noch in dem herrlich bequemen Sessel sitzen geblieben und hätte erst mal eine Weile geträumt, doch die neue Oma nötigte uns ins Gäste WC, wo wir unsere Straßenkleidung ablegten. Mit warmem, fließenden Wasser und mit ‚richtiger Seife‘ wuschen wir Hände und Gesicht.

Da immer abends warm gegessen wurde, wenn die Männer aus dem Büro kamen, ließ Oma Eierpfannkuchen mit Marmelade machen. Sie setzte sich glücklich und neugierig zu uns und musterte fasziniert ihren Familienzuwachs. Unterbrochen von ihren vielen Fragen aßen wir und hätten gern noch mehr gegessen, aber dann wäre uns wahrscheinlich schlecht geworden, oder wir wären dabei in der Wärme eingeschlafen. Köstlich schmeckte es.

Was für eine aparte Frau, liebenswürdig, ohne Schnörkel und aufgeschlossen empfand ich sie, dabei in ihrer Art Clemens so ähnlich. Vom ersten Augenblick war sie mir sehr sympathisch und das beruhte offensichtlich auf Gegenseitigkeit. Denn wir hatten auch explizit denselben Tonfall, den Clemens bei mir geprägt hatte, als wären wir mit einander aufgewachsen.

Nachdem ich kurz über unsere sehr spartanischen Verhältnisse in Polen bei dem Bauern berichtet hatte, begleitete sie uns mit ein paar Worten für einen guten Schlaf auf unser Zimmer und ließ Wasser in die Wanne laufen. Wieder glaubte ich zu träumen, als ich verzückt in das geheizte Zimmer kam und erst recht als ich dann das Bad sah, die Zahnbürsten und den weiteren zivilen Luxus entdeckte.

Dieses Schaumbad gemeinsam mit Christian war wohl das größte Highlight bis dahin in meinem Leben. Bevor wir aber aus Müdigkeit in den Fluten versanken, stiegen wir um in die herrlich kuscheligen Federbetten und schlummerten dort bis zum Morgen. Am liebsten wäre ich mit Christian dann noch in dem wonnig warmen, weichen Bett geblieben, doch wir würden sicherlich zum Frühstück erwartet.

Da zu der Zeit die Kleidung einen höheren Stellenwert als heute hatte und gesamt nicht so vielen Trends unterworfen war, wurde vieles sorgsam aufgehoben und häufig bei Bedarf wieder weiter gegeben. Die Haushälterin hatte eine passende Auswahl aus dem Fundus getroffen und für Christian einen Matrosenanzug gefunden, wie er damals für die Kleinen Mode war. Für mich eine weiße Bluse, einen schwarzen engen Rock und eine Strickjacke, dazu für uns warme Unterwäsche und Wollsocken. Mir wurde jetzt erst richtig bewusst, wie unmöglich wir gestern bei unserer Ankunft gekleidet waren. Ausgeschlafen war Christian quietsch vergnügt, wie ausgewechselt und ich? Ich hatte das alles noch nicht wirklich begriffen und war plötzlich schüchtern. Nach einer Katzenwäsche schlüpften wir in die saubere Garderobe und begaben uns zögernd nach unten in das Esszimmer, wo uns ein opulentes Frühstück erwartete. Und wieder - noch nie in unserem Leben hatten wir so was überhaupt gesehen, ja wann und wo denn auch? Bohnenkaffee und Kakao! Sowas kannten wir doch gar nicht. Und überall im Haus roch es so angenehm.

Die neue Oma spürte mein Empfinden und machte es mir leicht. Wohlwollend registrierte sie auch das freundliche Verhalten ihres Enkels, der gut gelaunt und ohne Scheu sich in der neuen Umgebung bewegte und auch die Art, wie ich mit ihm sprach. Vielleicht hatte sich die gegenseitige Rücksichtnahme auf engstem Raum durch unsere bescheidenen Lebensbedingungen ergeben. Es gab da kein lautes Wort bei uns, keinen Streit. Wir schliefen da alle drei in einem Bett, und wenn Papa und Mama Liebe machten, fand er es lustig. Christian war immer dabei. Er war ein ruhiges Kind und eigentlich nicht aufdringlich.

Er hielt auch tapfer durch, als das Frühstück schließlich bis zum Mittag dauerte, denn es gab von beiden Seiten viel zu berichten. Klein Christian hing mit den Augen an den vielen Dingen, die er in dem ‚riesigen‘ Esszimmer aufgespürte. Oma hatte ihn fortwährend verzückt im Blick. Wenn er fragend auf etwas zeigte: ‚Ist das? ‘ Dann hatte sie schon die Antwort parat.

Durch die vielen Gespräche mit Clemens in Polen hatte ich so viel aus seinem Leben und dem Umgang zu Hause erfahren, dass ich mich hier bescheiden, aber ganz selbstbewusst einbringen konnte, denn seine Mutter machte es mir mit ihrer Art auch leicht.

Als am Abend Clemens‘ Vater und Bruder Claus aus dem Büro zurück kamen, war der Familienzuwachs noch nicht im Bett, damit man sich kennen lernen konnte. Cristian aber schlief schon auf dem Sessel am Kamin.

Außerordentlich höflich begrüßten Vater und Sohn mich mit Handschlag und hießen uns herzlich willkommen. Claus‘ Charme hatte mich etwas verlegen gemacht wohl auch, weil ich mich so sehr begutachtet fühlte, denn als erwachsene Frau war ich noch niemandem begegnet, der mich als solche bemusterte. Ich weckte Christian und stellte ihn vor. Noch einmal nahm der Großvater meine Hand, hielt sie lange fest, legte seine linke noch darauf und sah mir tief in die Augen: “Willkommen“, sagte er leise ein weiteres Mal, wobei auch sein Blick auf Christian fiel. Müde, mit großen Augen sah der Kleine die beiden Männer an und reichte ihnen mit einem gequälten Lächeln die Hand. Nach der kurzen ‚Musterung‘ und mit ein paar erfreulichen Worten von Opa brachte ich den müden Jungen in mein Bett, wo er sofort wieder einschlief. Ich ging abermals zurück zur Familie, um mich noch ein wenig auszutauschen, denn es gab ja noch viel zu erzählen, was die neue Oma mir zum Teil auch schon abverlangt hatte. Es war ein wunderbares Gefühl, eine Familie zu gefunden zu haben, die sich auch für mich und mein Leben interessierte. Ich war so unendlich dankbar für die liebevolle Aufnahme und wiederholte mich fortwährend.

Es war doch eine andere Welt hier als die, die ich von früher als Kind kleinbürgerlich in Berlin erlebt hatte. Durch unsere Gespräche in Polen war mir aber vieles nun schon so vertraut, dass mir erst richtig bewusst wurde, wie intensiv mir Clemens sein Ego gewissermaßen übergestülpt hatte, dass ich praktisch wie er dachte und selbstbewusst handelte. Wie wäre wohl sonst diese Familien Zusammenführung verlaufen? Voller Ergebenheit und Hemmungen hätte ich auf der untersten Stufe verharrt.

Nach dem Abendessen wurde der neue Opa wurde ernst: ‚Offiziell ist Clemens verschollen und nach so langer Zeit für tot erklärt worden. Inoffiziell haben wir aber auch erfahren, dass er mit einer Jüdin desertiert war. Der Giftstachel der Nazis sitzt bei vielen noch tief und es laufen genügend verbissene Denunzianten herum. Deshalb ist unser Plan: Man darf dich jetzt nicht mit Clemens in Verbindung bringen. Du bist von nun an eine Liebelei und die Affäre, die Claus einst bei einem Besuch in Berlin hatte und mit dem Kind sitzen ließ. Ihr seid jetzt ausgebombt und zu uns gekommen, weil ihr nicht wusstet wohin. Eure Papiere sind alle verbrannt. Falls sonst die Wahrheit raus käme, auch dass du damals mit Clemens getürmt bist, wären wir alle dran. Das haben wir uns überlegt. Ist dir das Recht‘? Der Krieg kann nicht mehr lange dauern. Dann sehen wir weiter. ‘

Claus und ich lächelten uns an. ‚Danke, wir werden es schon schaffen, und Christian verrät auch nichts, ‘ meinte ich spaßend und dann: ‚Mir war schon bewusst, mit welchem Risiko meine Flucht zu euch verbunden war, aber ich wollte wenigstens Christian in Sicherheit wissen, falls ich hier nicht willkommen gewesen wäre. ‘

Die dunklen Wolken der Kapitulation zogen schon bedrohlich voraus. Bei den Zwangsarbeitern, die in der Fabrik zugeteilt worden waren, spürte man durch die Propaganda eine Endzeitstimmung, aber die Aufseher achteten auf das absolute Sprechverbot und, dass keine Unruhe entstehen konnte.

Im Betrieb räumten die von Bruninghausen weiter auf und versuchten alles, was sie politisch belasten könnte, zu vernichten. Sie wussten, wenn Deutschland nicht sofort kapitulierte, könnte es noch durch die flächendeckenden Bombardements der Engländer und Amerikaner ein mörderisches Ende geben. Der Hass der Feinde war so groß, dass nach dem Morgenthau-Plan Deutschland zu einem reinen Agrarstaat werden sollte und keine Schwerindustrie mehr haben durfte. Alle Männer sollten sterilisiert werden.

Gewiss war, davon ging man sie hier aus, würden die anrückenden Feinde größere Häuser und Villen konfiszieren. Deshalb begannen wir Frauen Lebensmittel, lebenswichtige und wertvolle Dinge, sowie die guten Weine auf einen LKW zu laden, um es in Sicherheit zu bringen oder auch in dem großen Garten zu vergraben.

Als wir dann alle von einem Tag auf den anderen die Villa verlassen mussten und praktisch nur mit der Zahnbürste im Gepäck auf die Straße gesetzt wurden, weil die Sieger das Anwesen beschlagnahmten, zogen wir in die Werkstatt einer kleinen Tischlerei und hausten zwischen den Maschinen. Sonst gab es keinen alternativen Wohnraum in der Zeit, denn wegen der Zerstörungen und der Flüchtlinge war schon alles belegt. Glücklicherweise hatten wir gut vorgesorgt und mussten nicht hungern oder irgendwo im Stall schlafen.

Nach der Kapitulation war Deutschland in vier Besatzungszonen eingeteilt worden, in drei der westlichen Sieger und in eine der russischen. Schwiegervater und Claus waren verhaftet worden, weil sie Rüstungsgüter produziert hatten. Die Fabrik, oder was davon übrig war, wurde auch beschlagnahmt. Die Engländer demontierten überall die alten Maschinen, um sie nach England zu schaffen und ihre Industrie damit zu puschen.

Nun hing alles an Mutter allein. Frau Esser und ich standen ihr zur Seite, und ich wuchs mit den Aufgaben. Mutter und ich wurden beste Freundinnen und ein tolles Team. Ich sollte sie mit Vornamen, Vera, nennen. Wir mussten uns jetzt zunehmend in einer Männerwelt durchsetzen.

Aber was man mir im Ehevertrag hinsichtlich der Auslebung meines Intimlebens suggeriert hatte, erwies sich für mich emotional als schwierig und war zweitrangig, denn in der kaputten Zeit nach dem Krieg fand ich mich noch nicht wirklich zurecht. Aber ich hatte wenigstens meine Familie und Christian, die mir innerlich Halt gaben. Deshalb stand mir auch gar nicht der Sinn nach irgendwelchen Amouren.

Die Alltagsprobleme waren nun Thema eins in ‚unserer Tischlerei‘. Aber ich hatte nun auch viel Zeit, mit Mutter Vera meine Situation zu erörtern. Wenn ich nicht weiter wusste, Vera Mutter wusste Rat, denn durch die Ehevereinbarung mit Claus mutete man mir im Grunde ja allerhand zu. Sie war es auch, die auf die ‚Unkeuschheit‘ in meiner formalen Ehe bestand. Sie meinte, bei dem ‚jungen Ding‘ käme es einer Vergewaltigung gleich und sie könnte dann auch gleich ins Kloster gehen. Damit meinte sie mich. Weil ich ja eigentlich sexuell überhaupt keine Ahnung hatte, klärte sie mich fürsorglich auf über mein Intimleben und den weiblichen Fruchtbarkeitszyklus und über die fruchtbaren Tage. Ich notierte es dann täglich in einem Kalender. Wir nannten die Empfängnis freien Tage ‚UZ‘ – unfruchtbare Zeit. Vera besorgte mir später auch noch Kondome, fall ich einen gebrauchen sollte, denn andere Verhütungsmöglichkeiten gab es für die Frau ja noch nicht.

Anfangs war ich doch so naiv und mir gar nicht darüber im Klaren, was mein Vertrag in der Konsequenz bedeutete, aber, wie gesagt, ich konnte mit Vera offen über alles sprechen. Sie meinte, es sei doch nicht verwerflich und auch ganz reizvoll, da capo mal wieder einen netten Mann diskret zu erobern, aber ich müsse aufpassen und nicht schwanger werden. Auch wählerisch müsse ich sein. Sie sprach wiederholt so normal das Thema an, als wollte sie mir das perfekte Eierkuchen Rezept oktroyieren. In der Hinsicht war ich doch völlig weltfremd und naiv, aber ich war erleichtert, dass man so natürlich mit ihr reden konnte. Dann meinte sie noch, ein Schmetterling naschte auch nicht immer an derselben Blüte. Obwohl mit Clemens im polnischen Exil unser Intimleben recht munter war und ich auch schwanger wurde, so war unser tägliches Spiel zwar stets schön gewesen, aber dann auch von der Spannung her immer gleich. So betrachtet fand ich meinen tolerantes Eheabkommen als eine durchaus interessante Angelegenheit.

Doch gefühlsmäßig war ich noch längst nicht in meiner neuen Welt angekommen. Was sie mir aber nicht gesagt hatte war, dass damals gesetzlich ‚Zum Schutz der öffentlichen Sittlichkeit außerehelicher Sex verbotene 'Unzucht‘ war.

Ich musste wieder daran denken, was Vera Mutter meinte, als sie mir von der allgemein üblichen Rolle und den Aufgaben und Pflichten der Frau in der Ehe erzählt hatte. Die Frau war in der Ehe von ihrem Mann abhängig, auch gesellschaftlich bis ans Ende ihrer Tage. Dafür war es auch üblich, dass die Frau sich dafür mit dem Berufstitel ihres Mannes schmückte. Der Mann bestimmte alles und das war gesetzlich geregelt. So waren im Grunde außereheliche Vergnügen inoffiziell nur ihm vorbehalten. Das mussten die Frauen in der Regel tolerieren, da es als Kavalierdelikt galt, denn er war ja der Ernährer und sie nur Hausfrau. Wenn ich jemandem nun sein Vergnügen gönnte, dann könnte es durchaus seinen ehelichen Spaß im Bett beflügeln. So gesehen sei das doch positiv, meinte Vera.

Wenn ich ehrlich war, spürte zunehmend ich ein starkes Verlangen, das ich durch Arbeit und Eigenleistung allerdings zunächst noch einigermaßen kompensieren konnte. Ganz unbekümmert erörterte mit Vera mein Leiden und hoffte auf einen Rat. Sie meinte, ich sollte doch die Leute direkt anlächeln. Wenn sie dann mein Lächeln erwiderten, würde ich sehen, wie gut es täte, wahrgenommen zu werden. Und dann? In der Zeit war doch niemandem zum Lächeln zumute. Ich fand die Vorstellung weit her geholt und für mich schwer vorstellbar, jemanden so kennen zu lernen, um ihn zu fragen, ob er mit mir Sex haben möchte. Außerdem sei derartiges Verhalten in der Gesellschaft unschicklich und eine Frage der Moral. Das hatte Clemens mir einst klar gemacht, denn schon Eva hatte im Paradies mit der Apfelverführung schlechte Erfahrung gemacht. - Aber über die Moral und über eine rote Linie haben wir eigentlich nicht gesprochen.

In unserer Villa war die englische Kommandantur eingezogen. Lächelnd und mit femininen Charme verschaffte ich mir bei dem Kommandanten einen Termin, um ihn zu fragen, ob wir Teile unseres, durch Bomben beschädigten, Büros wieder zum Wohnen nutzen dürften. Ohne Hintergedanken sollte es ein rein sachliches Gespräch sein. Der Engländer machte einen flotten Eindruck und war bisschen älter als Clemens. Er gefiel mir. Ich trug ihm mein Anliegen vor. Er sprach akzentfrei Deutsch. Deshalb vermutete ich, dass er ursprünglich aus Deutschland kam und naheliegend, vor den Nazis geflohen war. Deshalb erzählte ich ihm bewusst auch von meiner Rettung aus den KZ durch die Bruninghausen. Als er dann nach einer halben Stunde bei unserem Gespräch so vertrauensvoll wurde, kam ich spontan auf den verwegenen Gedanken, mit ihm Sex haben zu wollen, denn ich hatte ja meine ‚UZ‘. Bei der Vorstellung sah ich ihm versunken scharf in die Augen, wobei ich meine Jacke auszog. Mir war eigentlich nicht wirklich klar, was ich da tat. Sicherlich dachte er das Gleiche, denn er stand auf, ging zur Tür und schloss sie ab. Magisch, wortlos ließen wir es geschehen. Hemmungslos, wie besessen reagierte ich sogleich und entlud unbeherrscht meine aufgestaute Lust.

Ja, ich konnte es! Es war doch gar nicht so schwer. Das erste Mal nach so langer Zeit der Enthaltsamkeit empfand ich das Spiel und die Situation mit einem Fremden als äußerst kribbelnd und reizvoll. Er hatte es mir aber auch einfach gemacht und sofort reagiert. Ich war danach so zufrieden und entspannt, als hätte ich etwas Besonderes geschafft. Zu Hause erzählte ich, dass mein Gespräch erfolgreich verlaufen war. Meine Taktik verriet ich nicht, denn es war mir doch bisschen peinlich, zu Hause darüber zu sprechen, weil mir klar wurde, dass es sich doch um eine sehr intime Maßnahme handelte und dazu mit dem mit Feind.

Wir bekamen umgehend unsere Büros zurück. Er setzte sich auch dafür ein, dass Claus und Opa vorzeitig entlassen wurden. Nicht lange danach konnten wir dann auch wieder in die Villa zurück, weil man mich als jüdisches Mädchen vor dem KZ versteckt hätte. Das waren meine ersten Erfolge im Familienranking.

Obwohl die wiederholten Besuche bei ihm mir Spaß machten, so war unser Verhältnis eher ‚zweckgebunden‘. Wir bekamen dadurch auch weiterhin verschiedene Vergünstigungen. Wenn es etwas zu regeln gab, dann machte ich es.

Durch diese Begegnung wurde mir bewusst, dass ich ihm praktisch mein Wollen suggeriert hatte. Ich musste daran denken, was Clemens mir gesagt hatte – ‚Stell dich nie in die zweite Reihe - du bist besser – aber du bist nicht etwas Besseres‘. Fortan wusste ich, dass ich der männlichen Dominanz mit meinem Eigenbewusstsein durchaus etwas entgegenzusetzen hatte. Ich fand meinen Platz auch ohne Sex, und wenn ich es wollte, auch mit. Ich hatte nämlich wirklich begriffen, was Clemens meinte, wie ein Mann zu denken und zierte mich nicht.

Es tat mir gut, dass Vera Mutter so an meinem Leben teilnahm, obwohl ich ihr auch möglichst nur das erzählte, was sie gerne hörte. Aber gut, ich hatte jemanden zum Reden.

Der Krieg war zwar aus, doch der Überlebenskampf war geblieben. Viele hungerten. Der Schwarzmarkt wurde vielerorts zur Grundversorgung, wobei die Zigarettenwährung die Reichsmark ersetzte. Trotzdem, oder gerade deshalb, gab bei den Menschen hier und auch bei den Besatzern eine ausgelassene Vergnügungslust nach der entbehrungsreichen Kriegszeit. In allen möglichen Einrichtungen fanden wieder regelmäßige Tanzvergnügen statt. Da es Frauenüberschuss gab, tanzten sie miteinander oder die Besatzer halfen aus und die Damen erwarteten häufig auch ihren Tribut. Diese neue Lebenslust war nicht meine Welt, denn ich musste immer an Clemens denken. Aber trotz aller Nachforschungen gab es nach wie vor von ihm keine Spur.

Im Westen ging die Angst vor dem kommunistischen Gespenst um, das im Osten alle Wirtschaftsgüter an das Volk verteilte.

Weil der amerikanische Außenminister Marshall befürchtete, dass eine arme Bevölkerung im Westen Deutschlands nun leicht von dem kommunistischen Virus infiziert werden könnte, schickten die amerikanischen Kapitalisten Geld und Waren. Da die Westdeutschen keine Sicherheiten bieten konnten, verpfändete die neue Regierung dafür die deutsche Arbeitsleistung. Die Amerikaner akzeptierten das ungewöhnliche Pfand.

Man munkelte, es würde demnächst eine Währungsreform geben. Im Juni 1948 kam sie über Nacht. Jeder bekam vierzig DM Handgeld und später noch einmal zwanzig. Für zehn Reichsmarken[RL1] [RL2] [RL3] [RL4]  gab es eine Deutsche Mark. Allerdings konnten die Banken so schnell nicht tauschen. Es dauerte. Von einem Tag auf den anderen waren die Geschäfte voll mit Angeboten. Es gab alles zu kaufen. Ein Brötchen kostete fünf Pfennige.

Nun war ein Sommerfest das Herzensanliegen von Vera, denn schon vor dem Krieg hatte sie häufiger verschiedene Amüsements für alle möglichen Anlässe in der Villa organisiert. Von der Jahreszeit wurde allerding eher ein Herbst- oder Erntedankfest. Wenn es auch nicht als verspätete Hochzeitsfeier geplant war, so konnte doch jetzt endlich einmal der Familienzuwachs präsentiert werden. Auch ging es ihr darum, irgendwelchen Gerüchten entgegen zu wirken, dass Claus sexuell nicht ‚normal‘ sei. Deshalb wollten Claus und ich uns dann auch sehr liebevoll zueinander verhalten, was uns dann auch gut gelang und mir Spaß machte.

Gemeinsam mit Schwiegermutter arrangierten wir nun eine Feier für über dreißig Personen. Im Salon und im Wintergarten wurde feierlich gedeckt und dekoriert, wie ich so etwas auch noch nie erlebt hatte. Sie war regelrecht darauf erpicht, Claus‘ schicke Ehefrau und ‚seinen‘ gelungenen Sohn in der Gesellschaft vorzuführen. Ich bekam ihr schlankes Kleid aus rotem Chiffon, rückenfrei, mit einem eleganten tiefen V-Ausschnitt Dekolleté. Sie hatte es noch nie getragen, weil Schwiegervater es für zu gewagt und aufdringlich in ihrem Alter empfand. Es hing wohl auch schon Jahre bei ihr im Schrank.

Mutter und ich hatten die gleiche Konfektionsgröße, so musste sie mich nicht überreden, das raffinierte Gewand zu ‚präsentieren‘. Ich war begeistert, denn der locker fließende Stoff umspielte angenehm die Haut und es fühlte sich so sexy an, weil es auch mehr offenbarte als verbarg. Ich fand das gut. Da ich wegen meiner bescheidenen Oberweite keinen BH besaß, fand ich es schick, dass ich hier auch keinen brauchte. Damit ich mich nun anfangs nicht zu nackt fühlen könnte, obwohl ich damit überhaupt kein Problem gehabt hätte, wurde ich noch von ihr mit einer weißen Nerzstola und einer langen Perlenkette ausstaffiert, die einmal geknotet mir bis zum Nabel reichte. 

Vera hatte mich gemeinsam mit ihrer Frisörin so richtig getunt und auch meine Haare leicht rötlich getönt. Ich glaube, die beiden hatten für ihren Spaß ein williges Opfer gefunden. Auf den ersten Blick in den Spiegel kam ich mir so fremd vor. Gerade deshalb fand ich mich auch zum Reinbeißen, denn ich hatte einen Riesenspaß an der Maskerade und der dezenten Kriegsbemalung.

Gedanken machte ich mir aber, ob ich vielleicht overdressed sein könnte. Vera beruhigte mich, ich würde in meiner Aufmachung in guter Gesellschaft sein. ‚Das ist jetzt unsere neue Generation, jung, frei und mutig wie in den Zwanzigern, ‘ meinte die Frisörin.

Die Gäste trudelten ein. Mehr als dreißig Hände mussten gedrückt und geschüttelt werden. Als dann Graf sowieso annonciert wurde – als Kind hatte meine Mutter mir Märchen von Königen und Grafen erzählt - sah ich ihn lächelnd an: „Und Sie sind ein richtiger Graf?“ Das sollte ein Scherz sein, den ich unbekümmert zum Besten gab. Ich registrierte eine verholt heitere Resonanz bei den Umstehenden. Galt sie nun meiner Frage oder hatte ich an gräflicher Eitelkeit gekratzt? Doch er antwortete kurz mit: ‚Ja‘.

Nach der Lebensmittel Knappheit wurde jetzt im Überfluss aufgetragen und geschwelgt - mehrgängig. Ich empfand es als den puren Luxus. Das war es ja auch. Dann wurden da Reden geschwungen, Sprüche geklopft, an Gläser gestoßen und zum Schluss gab es Speiseeis, so viel man wollte.

Ein einbeiniger Geigenvirtuose und eine rundliche Pianistin sorgten mit Operettenmelodien für dezente Tafelmusik. Als dann doch ein markiger Redner die deutsch-nationale Schublade öffnete, unterbrach ihn Schwiegervater augenblicklich und schob sie sofort wieder zu. Er wollte nicht wieder in die unselige Spur der Vergangenheit rutschen: ‚Nun trinken wir aber erst einmal auf unseren Familienzuwachs, auf unsere bezaubernde Tochter Anne, auf unseren kleinen Enkel Christian und auch auf Claus, der es endlich geschafft hatte, seine Familie nach Hause zu holen.‘ Claus drückte mich und gab mir ein liebevolles Küsschen auf die Wange. Mir machte unser Hochzeitsspiel mit schon ein paar geleerten Gläschen Sekt zunehmend Spaß.

Mutter Vera, auch ganz schön ‚aufgebretzelt‘, war immer in meiner Nähe, um sofort eingreifen zu können, falls ich, weinselig in meiner natürlich lockeren Art, über die Stränge schlagen sollte. Ich hatte ja noch nie eine derartige Feier mitgemacht, auf der Alkohol zum Zeitvertreib und zur Belustigung getrunken wurde. Obwohl wir viel Spaß hatten, brachte ich auch keine ‚Schande‘ über die Familie, wie versprochen.

Es war ein gelungenes Fest geworden, wozu auch meine ungezwungene, offene Art beigetragen hätte, meinten die Schiegereltern. Das lag aber auch daran, dass ich so glücklich war, weil ich eine tolle Familie hatte, in der ich ein gleichwertiges Mitglied geworden war. Nach ein paar Gläschen machte es mir Spaß mit kokettierenden Blicken einige Gäste offensichtlich irritieren zu können. Ich hatte mir angewöhnt, meinen Gesprächspartnern nicht nur mein freundliches Gesicht zu zeigen, sondern ihnen dabei offen in die Augen zu schauen, um ihre Gedanken zu ergründen. War es bei mir nun das vornehme Gehabe einiger Gäste, was bei mir eine gewisse Dreistigkeit bewirkte? Vera meinte später, ich sei so schon ‚richtig‘ und solle man so bleiben, wie ich bin und mich nicht verbiegen oder verbiegen lassen. Meine Leichtigkeit wäre angenehm und passe gut in unsere Zeit.

Vera war eine kluge, attraktive Frau und meine intimste Freundin geworden. Im Laufe der Zeit hatte sich zwischen uns eine herzliche, beinahe liebevolle Beziehung entwickelt. Sie war ja auch Clemens‘ offener Art so gleichartig, was bei mir wohl eine gewisse Affinität bewirkte. Vermutlich ging es ihr aber auch darum, in ihrer ‚mütterlichen Fürsorge‘, meine Ehe mit Claus zu ‚stabilisieren‘, denn unser Ehevertrag war doch eine gewagte Konstellation. Deshalb war sie wohl bei unserem ‚Weiberklatsch‘ sehr an meinem Gedanken interessiert, um rechtzeitig ‚einzuschreiten‘ zu können, falls ich mich anders orientieren sollte.

Aber ich bin treu! Bis heute hatte zu keinem Zeitpunkt daran gedacht, dass ich meine Familie je verlassen könnte. Ich bin ihnen immer noch dankbar für die liebevolle Aufnahme nach der Flucht, als ich am Abgrund stand und sie mir so viel Vertrauen schenkten. Also Vera Mutter hatte mich und meine Gefühlswelt schon gut im Griff. Ich muss aber auch sagen, dass ein reizvolles Vergnügen auch nachhaltiger wird, wenn man mit jemanden das Erlebte teilen kann. Mein Eindruck war, sie lebte dabei auch ihre eigenen Erinnerungen oder Phantasien, denn sie konnte Einiges zum Thema beitragen. Sie meinte, deshalb müsste ich auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich gelegentlich diskret ‚wohlwollend‘ zeigte. Was wirklich in ihrem Kopf vorging, wusste ich nicht, denn mein Gefühl sagte mir, dass es etwas gab, das sie mir letztlich nicht auf die Nase binden wollte.

Ich fragte mich, an welchem Punkt sollte denn überhaupt das Gewissen beginnen zu plagen, schon beim Flirt, beim Kuss oder beim intimen Finale? Wieso aber auch schlechtes Gewissen, denn ich kannte ja gar nicht die Moral, die für das Gewissen zuständig war? Darüber hatten weder Clemens noch irgendwelche himmlischen Moralisten mich aufgeklärt. Für wen war es denn nun unmoralisch und für wen gewissenlos?

Später habe ich mich einmal schlau bemacht: Unsere frommen Gesetzgeber hatten das geregelt: Sex außerhalb der Ehe war Unzucht, so auch die Homosexualität unter Männern. Frauenliebe war aber schon im Kaiserreich erlaubt worden. Die durften das! - also keine Unzucht mehr. Paare mussten im Hotel nachweisen, dass sie wirklich verheiratet waren, wenn sie ein Doppelzimmer buchten – wenn nicht, war es Unzucht. Auch Zimmervermieter machten sich strafbar, wenn sie Unzucht ihrer Untermieter duldeten. Erst ab 1973 war das plötzlich keine Unzucht mehr und alles war erlaubt. Allerdings waren die Gesetze anfänglich doch ziemlich männlich geprägt. Die solo Frauen wie auch die Männer wurden mit einundzwanzig mündig, die Ehefrauen nie! Erst 1957 wurden alle gleichberechtigt. Ohne glaubwürdigen Zeugen gab es auch kein ‚me too‘. Die Bewegung war noch nicht en vogue.

Was man mir aber in unserer Vereinbarung hinsichtlich der Auslebung meines Intimlebens suggeriert hatte, gab es deshalb ja gar nicht zu der Zeit so richtig. Das war ja gesetzlich alles verboten. Allerdings stand mir auch gar nicht der Sinn danach, ständig auf die Unzucht Pirsch zu gehen. Als ich damals zustimmte, war ich mir nicht wirklich darüber im Klaren, was sie in der Konsequenz bedeutete. Es überwog einfach das Glück, dass Christian und ich eine so tolle Familie gefunden hatten. Da hätte ich wohl Vielem zugestimmt, denn Clemens würde ja auch irgendwann kommen.

Schön war es aber, dass es in unserer formellen Ehe mit Claus   nie einen Ehekrach gab. Wir sind uns stets treu geblieben! Bei unserem Ehevertrag ohne ‚Käfighaltung‘ und ohne gegenseitigen Besitzanspruch oder Eifersucht muss man auch nicht warten, bis der Tod scheidet und kann schon vorher Spaß am Leben haben. Claus und ich haben dieselbe Auffassung und sprechen viel miteinander darüber. Ja, wir lieben uns wie Geschwister.

In der Firma waren wir mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Als Ehefrau hatte ich von meinem Ehemann alle gesetzlich vorgeschriebenen Vollmachten bekommen. Gemeinsam mit den Schwiegereltern waren wir ein gutes Team. Ja, alle nannten mich Chefin, aber keiner wusste, was ich konnte. Ich hatte doch meinen Souffleur. Nach und nach konnten wir auch einige der alten Mitarbeiter im Betrieb und Büro beschäftigen. Ich wurde akzeptiert und mischte erfolgreich mit.

Mit viel Elan und mit neuen, modernsten Maschinen beteiligten wir uns am Wirtschafswunder und verschuldeten uns haushoch. Ich musste viel lernen. Anfangs war es mir gar nicht so bewusst, doch bald merkte ich, dass meine offene Art den Leuten gefiel. Allerdings gab es dort für mich keinerlei intime Kontakte oder Gespräche und merkte, dass ich schon den richtigen Ton im Umgang getroffen hatte. Ich gab mich freundlich aber äußerst sachlich und bestimmt. Es machte mir Spaß. Dachte ich tatsächlich ‚männlich‘ so wie Clemens‘ mich manipuliert hatte? Oder sollte es möglicherweise der Sakralblick einer Nymphomanin sein, deren stetige Signale irritierend von den vorwiegend männlichen Empfängern wahrgenommen wurden? Denn der Trieb, der durch die Intensität in meinen Entwicklungsjahren entstanden war, hatte wohl die gleiche Wirkung wie der Schnaps bei einem Alkoholiker. Scheinbar war wohl irgendwas dran, dass ich so von den Männern und Frauen so akzeptiert wurde.

Geschäftlich besuchte ich Kurse und Seminare. Dadurch lernte ich auch interessante Leute kennen in meiner ‚neuen Welt‘. Nach dem Abendessen während eines Seminars lotste eine Teilnehmerin, eine attraktive Vierzigerin, mich mit in die Hotelbar. Wir hatten ein angenehmes Gespräch, wobei ich merkte, dass sie sich auch sehr aufgeschlossene Einstellung zum Leben hatte. Elke, so hieß meine neue Bekannte, erzählte mir dann, dass sie einen Holzhandel hätten. Ihr Mann führe häufiger geschäftlich nach Finnland, wo er auch das gesellige Saunabaden kennen gelernt habe. Nun hätten die Finnen ihnen hier auch eine Sauna im Sauerland gebaut auf ihrem Ferienhausgelände. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, aber Elke klärte mich auf.  

Da veranstalteten und feierten sie auch im kleinen Kreis und verbanden esgelegentlich mit lockeren Gesellschaftsspielen. Andeutungsweise erwähnte sie mir Details. Wenn ich Lust hätte, würde sie mich gern anrufen. Ich freute mich über das Angebot und sagte zu, weil ich ja auch sonst wenige private Kontakte hatte. Als am Abend noch zwei Herren aus dem Seminar in die Bar kamen, bat Elke sie zu uns an den Tisch. Sie setzten sich und bestellten noch ein paar Drinks. Es kam zu einem vertraulichen Schlagabtausch mit zweideutigen Anspielungen. Unsere Schlüssel lagen so auf dem Tisch, dass man unsere Zimmernummern erkennen konnte. Nach gut einer Stunde wollten wir schlafen gehen und verabschiedeten uns, wobei Elke den beiden zuflüsterte: ‚Dann bis gleich‘. Ich staunte – und sie sagte: ‘Da läuft doch noch was!‘ Ihre Signale hatte ich nicht bemerkt und fragte auch nicht. Aber als ich mich ahnungslos fertig gemacht hatte und gerade ins Bett wollte, da klopfte es an der Zimmertür. Wieder hatte ich etwas gelernt.

 

Elke rief mich schon bald an und lud mich mit meinem Mann zu einer Saunafeier in ihrem Ferienhaus ein. Ich sagte ihr, dass mein Mann derzeit unpässlich sei, ich käme aber gern allein. An unserem Seminarabend hatte sie mir schon zu verstehen gegeben, dass es bei ihren Spielen durchaus sehr tolerant zuginge. Zu dem Termin hatte ich auch UZ und sagte zu. Weil sie mich in unserem Telefonat neugierig gemacht hatte, erfuhr ich auch, dass es in unserer sittenfrommen Gesellschaft ein landesweites, unerlaubtes Spielenetzwerk gäbe. Es mache ja auch in einer Gruppe mehr Vergnügen weil man verschiedene Leute kennen lerne. Die Gastgeber waren meist Leute, die über entsprechende Räumlichkeiten verfügten. So war auch Elkes Ferienhaus keine kleine Gartenlaube, sondern durchaus ein geräumiges Wohnhaus im Grünen, stellte ich dann fest.

 

Ich freute mich, dass sie Wort gehalten hatte, mich einzuladen. Es war Sonnabend sieben Uhr. Einige Gäste waren schon eingetroffen, als ich mit einem kleinen Blumenstrauß vor der Tür stand und erwartungsvoll klingelte. Das lustige Geschnatter der ersten Gäste machte mir Mut, meine kleine Hemmschwelle zu überwinden. Mit einem Welcome-Drink in der Hand machten wir uns im Wohnzimmer untereinander mit Vornamen bekannt. Einige kannten sich vorher schon. Gesamt waren es zehn Gäste, drei Paare und außer mir noch zwei solo Damen und ein solo Herr. Auf dem großen Esstisch, an dem zwölf Personen Platz hatten, standen Schälchen mit Knapper Gebäck, Gläser und Krüge mit Bowle. Bevor wir uns setzten, wurden wir in die Küche gebeten, um uns an einem üppigen Büfett zu bedienen. Unsere Konversation bei Tisch wurde recht kurzweilig und spaßig, denn die Bowle war sehr süffig und gehaltvoll. Lustige Momente und recht persönliche Begebenheiten wurden beim Essen zum Besten gegeben. Elke erklärte mir, eine Party mit so wenigen Leuten, wäre persönlicher und auch alle hätten etwas mehr voneinander. Ich hatte es zwar nicht ganz verstanden, wie sie das meinte, aber versuchte mir einen Reim daraus zu machen. Es wurde gelacht, gewitzelt, getrunken und ja auch noch viel geraucht. Das war damals normal und es störte nicht, wenn alles verqualmt war. Je länger wir da nun tagten, desto gelöster war die Stimmung. Ich bildete mir gegenseitiges Belauern ein. Was sollte jetzt wohl anschließend passieren? Sollten wir hier nun an diesem großen Tisch Karten oder Mensch ärgere dich nicht spielen und uns voll laufen lassen? Doch dann deckten wir gemeinsam ab, schnappten die Reste des Büfetts und trugen alles eine Treppe höher in den gemütlichen Ruhe- und Partyraum und platzierten es auf einer Anrichte, falls jemand später noch Appetit hätte. Nebenan ging es zum Sanitärbereich und auf die Dachterrasse. Wegen der Hanglage Grundstücks waren es nur vier Stufen von dort abwärts zur Sauna – ganz fein alles. Der ganze Partyraum war mit Teppichboden ausgelegt, vor der Bar eine gepolsterte Sitzbank, davor waren in U-Form vier Klappsofas angeordnet, die mit einem kleinen Ruck an der hohen Rückenlehne zu einem komfortablen Doppelbett wurden. In dem Karree vor der Bar lag ein großer weißer Hirtenteppich und in der Mitte darauf runder Couchtisch, der von einer Deckenleuchte angestrahlt wurde. Neben der Bar stand je ein Sideboard, auf dem einen lag ein Stapel großer Saunatücher zum Unterlegen. In den einzelnen Fächern könnten wir später auch unsere Kleidung ablegen, falls uns zu warm würde, meinte Elke schmunzelnd. Dort stellten wir schon gleich auch unsere Schuhe ab. Für die Hintergrundgeräusche sorgte ein Plattenspieler.

- Ich hatte Herzklopfen. Wir standen herum, schwatzten und wie alle anderen nahm ich mir zunächst auch an der Bar ein großes Glas Bowle, um mich daran festzuhalten und es letztlich auch auszutrinken. Elke erklärte mir, dass sie anfangs die Sauna Abende zu dritt oder viert gemacht hätten, aber das sei doch etwas steif gewesen. Mit mehreren in der Gruppe sei es freier und lustiger. Deshalb hatten sie sich auch ein paar Spiele anfangs zum Auflockern gedacht.

Wunschgemäß setzten wir uns in bunter Reihe um den Tisch auf die Sofas. Elke hatte das Wort: Flaschendrehen war angesagt. Aha? Wer den Hals bekam musste eine indiskrete oder intime Frage stellen: Wer… wo… wie… was…wann usw. Jeder musste reihum darauf eine Antwort geben und jeder einmal die Fragen stellen. Selbstredend, dass sie spaßig und nicht verletzend sein sollten. Das war schon mal sehr lustig und wurde zu einem heiteren Spektakel. Zum Schluss sagte Heiner: ‘Und nun macht jeder seinen schönsten Orgasmus Schrei,‘ Die Stimmung war gelöst und toll. Wir füllten unsere Gläser erneut. – Und Elke wieder: ‚Nun machen wir unser Pfänderspiel, Schlipse und Socken zählen nicht einzeln. Das Mädchen, das als letztes alles abgelegt hat, macht Table Dancing und wir machen unseren Kreistanz.‘

Nur noch paar Kerzen in der Bar und indirekte rote Lämpchen im Raum spendeten einen intimen Lichtschein. Der Plattenspieler spielte dazu den Bolero von Ravel. Wenn Ravel fertig war begann er automatisch von vorn, denn der Striptease brauchte Zeit, trotz nachbarlicher Hilfestellung beim Lösen des BHs und der Strapse. Strumpfhosen gab es noch nicht. Die Herren waren auch dankbar für helfende Hände, wenn jemand Probleme mit dem Hosengürtel hatte. Es wurde wieder ein Mordsspaß. Und dann, textilbefreit, fassten wir uns alle nebeneinander zu einer bunten Runde um und tanzten lustig nach Griechenklängen im Kreis um den Tisch mit der Table Tänzerin herum. Mittlerweile waren unsere Sinne schon so selig und erotisiert, dass völlig enthemmt die Lust das Spiel machte. Bis auf eine Kerze in der Bar, ging das Licht ganz aus und die Mädchen ertasteten sich einen Tanzpartner oder Saunapartner bis das Licht wieder hell wurde. Es war abgemacht, dass am Abend die Mädchen die Wahl hätten, mit wem sie sich weiter erfreuen möchten. Elke meinte, die Jungs hätten einen Rivalitätsinstinkt, wie bei den Hirschen, und könnten schon mal unwirsch reagieren. Somit müssten die Mädchen es entscheiden, wann die Rückenlehnen bei den Sofas ausgeklinkt werden sollten. Ich fand, es würde Zeit. Es war so spannend und ungezwungen, auch dass ich es immer wieder aufregend fand, einen anderen Körper zu spüren. Wenn irgendwo Ruhe war, schoben wir uns taktvoll von der anderen Seite dazu, denn je mehr Hände im Spiel waren, erregender war es. Der Abend war so antreibend, dass der Rest nur noch ein ausgelassenes Vergnügen werden konnte. Und so war es denn auch. Wem es zu heiß wurde, ging auf die Terrasse, wer fror, ging in die Sauna.

 

Als irgendwann gegen Morgen dann alle gegangen, bzw. gefahren waren, denn Alkoholkontrollen gab es damals nicht, wollte ich noch bleiben, um zu Hause nicht zu einer unchristlichen Zeit einzutreffen. So könnte ich morgens ja auch noch mit aufräumen. Ich wollte oben schlafen, doch Elke nahm mich mit in ihr Ehebett und raubte mir, gemeinsam mit Heiner, den letzten Schlaf – oder umgekehrt.

Es war ein wunderschönes Wochenende und bin so richtig auf meine Kosten gekommen. Das lag aber auch daran, dass die beiden ein gutes Händchen für die Wahl ihrer Gäste hatten. Ich dankte Elke und Heiner für alles. Auch künftig würden wir uns sehen. So vereinbarte ich es ebenfalls mit den andern, weil wir vom Niveau gleichgartet waren. Wenn ich das Bedürfnis hatte, gab es auch weiterhin spontane Dates wie im Hotel oder auch mal an gewagten Orten in der Natur, die aber für mich meist Imbisscharakter hatten.

 

Mittlerweile bin ich schon viel ruhiger geworden, auch älter, reifer, aber ich bereue keinen Tag und bin immer noch bisschen wild und offen für Neues. An die Freiheit meines Doppellebens habe ich mich im Laufe der Zeit gewöhnt, weil jede Begegnung wieder den Reiz des Neuen hat. Aber die Familie ist mein Refugium und geht immer vor. Ich liebe meinen Sohn und seine Familie, Claus und meine Schwiegereltern. Ich hatte im Leben schon so unendlich viel Glück und das gilt auch für meine Gesundheit. Für alles das bin ich dem Himmel an jedem Tag dankbar und lebe in dem Bewusstsein, dass alles auch einmal ein Ende haben wird.“

Bernd hatte die ganze Zeit Anne andächtig zugehört, ohne ihren Monolog zu unterbrechen. Was sollte er auch noch dazu sagen?

So lange hatte Anne auch noch nie von sich erzählt und noch nie so lange in einem Stück Urlaub genommen, sonst meist nur eine Woche oder schon mal zwei. Dann waren ihre Begegnungen eher so aus reiner Lust, vergnüglich mit Small Talk und Spaß für einen kurzen Moment zwischendurch oder ein paar Stunden. Doch dieses Mal zu zweit war Bernd der Grund und auch, dass sie länger allein ungestört auf dem Schiff waren. Sie hatten eine harmonische Zeit miteinander, auch wenn Anne ihre ganze Polen Odyssee erzählen musste. Bernd war so an ihrer Geschichte interessiert und fand ihre amourösen Abendteuer so erregend, dass er im Detail davon nicht genug bekommen konnte. Durch Zwischenfragen stieß er Anne stets erneut zum Erzählen an.

Anne wurde nachdenklich.

„Aber ich muss immer noch an Clemens und an unsere Zeit in Polen denken. Er fehlt mir immer noch. Christian und ich waren noch einmal wieder dort, wo sein Geburtshaus stand. Es war ein seltsames Gefühl, alles leer und verfallen. Ich zeigte ihm die kleine Küche, wo ich, eigentlich mit gerade mal siebzehn selbst noch ein Kind, am Boden auf einem Strohsack lag, Clemens mich von hinten unterstützte und die Bäuerin vor mir kniend den kleinen Christian, schon schreiend, in den Händen hielt.“

Mittlerweile waren sie wieder in der Schlei an ihrem Liegeplatz und hatten fest gemacht. Anne umarmte Bernd.

„So, nun ist unsere schöne Zeit vorbei.“

„Und wie soll es mit uns nun weiter gehen?“

„Freundschaft? - Ich werde ja künftig auch mal häufiger hier im Norden zum Segeln sein.“

„Das meine ich nicht, ich meine in der Zukunft mit uns beiden.“

„Mein lieber Bernd, wenn du auch spontan bist, kann es auch in der Zukunft schöne Zeiten für uns geben. Ich bin Geschäftsführer und Anteilseigner eines großen Unternehmens. Ich habe Verantwortung für meine Leute und ich habe mit Claus ein Abkommen. Wir sind beide glücklich damit. Wir unternehmen Vieles miteinander und hatten noch nie Ehestreit, weil es bei uns keinen eifersüchtigen, gegenseitigen Besitzanspruch gibt. Claus und ich haben beide ein großes Herz und genießen diskret unser Doppelleben. Und so wird es bleiben. Bernd, deshalb können wir beide uns ja künftig auch sehen. Oder möchtest du nun als alterndes Paar vor dem Fernseher den Rest des Daseins ansteuern? Was hältst du davon?“

„Ist schon OK, wenn du das meinst“, kommentierte Bernd enttäuschend.

„Nun trinken wir aber erst einmal gemütlich Kaffee in der Hütte. Heute Abend könnten wir noch eine Kleinigkeit essen in einem netten Restaurant. Ach ja, und morgen Nachmittag müssen wir noch unbedingt zu Gesche. Die freut sich immer, wenn sie Besuch bekommt. Sie hat doch damals Clemens bei Kriegsende aufgenommen, als er in Polen abgehauen ist. Aber das kann sie dir selbst erzählen. Ich habe schon zu viel gequatscht.“

„Hütte? - Was für eine Hütte?“

„Du wirst schon sehen, ist nicht weit.“

Anne hatte an Land das Ruder wieder in der Hand.

Nachdem sie das Schiff aufgeklart hatten, schnappte Anne sich ihre Schlüssel und marschierte mit Bernd den kleinen Pfad am Wasser zu einem bezaubernden, weißen Reetdach Häuschen mit einem runden Schornstein aus Feldsteinen.

„Oha“, staunte Bernd, „Gallien lässt grüßen. Es ist in nicht unbedingt die ortsübliche Bauweise wohl eher ein wenig Obelix-Architektur, “ meinte er. Aber das Ganze sei ein Spiel mit Stil, leicht verrückt, aber doch sehr vergnüglich und ganz toll anzusehen. Innen ein großer, rustikaler Wohnraum mit offener Küche, in der Feldsteinmauer ein Kamin, und davor ein breites ‚Lümmel Sofa‘ mit Fell. In der Mitte des Raums ein rustikaler Esstisch aus dicken Eichenbohlen. Und nebenan die Schlafstube mit einem originellen  Bad. Eine Holztreppe führte zu zwei Kammern auf den Spitzboden. Bernd konnte nur staunen: „Da hat sich aber einer was einfallen lassen.“ Das war Clemens Geist, den Anne spontan wieder spürte, und sie fühlte sich hier jedes Mal wieder an die Zeit mit ihm in ihr Liebesnest in Polen zurück versetzt. Ihr war, als ob Clemens jeden Augenblick reinspazieren würde, um weiter zu werkeln.

 „Das Haus war ganz früher ein Unterstand für die Fischer, dann Vieh- und Schafstall. Halb verfallen hat Clemens es von Gesche bekommen für eine Mark. Das alles hat er hier alleine gebaut“, erklärte Anne stolz. Bernd wurde fast ein wenig eifersüchtig, als er alles bewundern musste, weil sie so von Clemens‘ Talenten schwärmte.

 „Bernd, sieh dich ruhig bisschen um“, sagte Anne so nebenbei und griff zum Telefon: „Hallo Cristian, wir sind heil zurück. Wie läuft’s bei euch? … Unser Törn war wunderschön, auch das Wetter. … Schicke mir doch bitte übermorgen zu vierzehn Uhr den Wagen. …“

Und dann: „Guten Tag, Gesche, wie geht’s … wir sind wieder da. Mein Kapitän und ich möchten uns morgen bei dir um Kaffee einladen….“

Anne machte Kaffee und stellte ihn mit Gebäck aus der Keksdose auf einen kleinen Tisch vor dem Sofa.

Neben der Hütte, in Clemens ehemaliger ‚Klüterkammer‘, haben die von Bruninghausen nun ihren Ferienwagen, mit dem sie im Urlaub hier für ihre Ausflüge unabhängig sind. So lange Bernd noch an seinem Boot zu tun hätte, sollte er den Wagen denn auch benutzen, damit er für Besorgungen mobil bliebe.

Für das Dinner zum Abschied hatte Anne ein kleines romantisches Restaurant ausgesucht. Auch wenn sie mit ihren Gedanken schon wieder in der Firma zu sein schien, war es ein anregender Abend.

 

 GESCHE

 

 „Tag, Gesche, wir kommen auf meine Einladung. Ich habe dir Kuchen und meinen Kapitän Bernd mitgebracht.“

„ Guten Tag, Frau … ?“

„Gesche reicht.“

Sie duzte jeden, nur nicht, wenn sie förmlich wurde. Sie war eine große, schlanke Frau mit hellblauen Augen und weißen Haaren, die zu einem langen Zopf geflochten nach vorn über ihre linke Schulter fielen. Und im Nacken hatte sie immer einen Schalk. Trotz ihres Alters war ihre natürliche Schönheit erhalten geblieben. Erst auf den zweiten Blick konnte man ihr arbeitsreiches Leben als Bäuerin erahnen. Den Hof hatte sie mittlerweile an ihren Neffen abgegeben und wohnte nun in der Altenteiler Kate mit ihrer Katze und ihrem Hobby, der Aquarellmalerei. Es wurde, wie immer, bei ihr ein fröhlicher Kaffeeklatsch, wobei Anne auch von ihrem ersten Törn mit der schönen neuen Yacht schwärmte und versprach, beim nächsten Mal wollten sie Gesche dann auch mitnehmen.

Clemens, Christians‘ Vater und Gesches Mann waren Kriegskameraden gewesen. Als Gesches Mann im Krieg gefallen sei, war Christians Vater mit Anne aus dem Lager desertiert und hatten sich in Polen versteckt. Bei Kriegsende war er hier bei Gesche mit falschem Namen untergetaucht. Die Familie von Bruninghausen glaubte alle Jahre er sei auch nicht mehr am Leben. Alle Nachforschungen, auch durch das Rote Kreuz, waren ergebnislos. „Erst später haben sich unsere Familien kennen gelernt. Aber das kann Gesche dir ein anderes Mal selbst erzählen, denn Bernd, du wirst künftig noch häufiger ihr einen Kaffee trinken, wenn du nach dem Schiff siehst“. Und so kam es denn auch.

 

Eine letzte Nacht verbrachten die beiden Turteltauben noch auf der Yacht bis am nächsten Tag der Chauffeur Punkt 14 Uhr Annes Gepäck in der großen Limousine verstaute und sie sich artig und formell per Handschlag von Bernd am Wagen verabschiedete. Sie stieg im Fond ein, wo schon ein Aktenkoffer von Christian lag, um schon während der Fahrt die aktuellen Unterlagen zu sichten, denn sie mochte nicht stundenlang während der Fahrt auf die Straße schauen oder mit dem Fahrer Smalltalk haben.

Was Anne prophezeit hatte, so kam es denn auch: Gesche suchte jemanden zur Unterhaltung. Schon am nächsten Tag erschien sie an der kleinen Werft mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen. Bernd hatte auch schon umdisponiert. Warum sollte er den Versicherungsschaden denn selbst reparieren, wo er doch auf der großen komfortablen Yacht wohnen konnte und nebenbei ein Auto zur Verfügung hatte? So lernte Gesche das Schiff schon mal kennen als die beiden Kaffee im Salon tranken, wobei sich denn auch die beiden anfreundeten. Auch als sein Schiff fertig und er wieder in Hamburg war, kam er häufig, um nach Christians Yacht zu sehen, klar Schiff oder einen Törn zu machen. So war es denn auch für Gesche stets eine willkommene Abwechslung, wenn er sie besuchte. Dann kochte sie mal für ihn, oder er lud sie zum Essen ein. Gemeinsam machten sie mit dem Auto auch kleine Kaffee Ausflüge.

Im Laufe der Zeit erzählte sie denn auch Bernd die ganze Geschichte der von Bruninghausen und wie sie sich kennen gelernt hatten: „Dass mein Mann und Christians Vater, Clemens ja Kriegskameraden waren, hat Anne dir sicherlich erzählt. Sie lernten sich auf der Führerschule in Bad Tölz kennen. Danach wurden sie zum Dienst in ein Lager bei Krakau in Polen versetzt. Dort wurden sie dann Freunde. Beide waren schockiert von den unglaublich, unmenschlichen Machenschaften des Militärs. Es hieß Partisanen sollten erschossen werden. Doch sie konnten es nicht, oder nicht mehr, auch weil es keine Partisanen waren, wie man ihnen zuvor gesagt hatte. Es waren jüdische Männer, Frauen und Kinder, der Beginn der NS ‚Säuberung‘ Verbrechen, bevor die Wannseekonferenz die großen Vernichtungslager beschlossen hatte. Hier versuchte man die Kameraden, mit Alkohol und mit markigen Sprüchen in die Spur zu bringen, wenn sie Skrupel hatten. Aber sie konnten es nicht oder nicht mehr. Ein Vorgesetzter übernahm wütend das Schießkommando und erschoss spontan meinen Mann von hinten gleich mit wegen Befehlsverweigerung. Christians Vater stand daneben. Das war ein Tag vor Silvester 1941.

Im Sommer war mein Mann noch auf ein paar Tage auf Urlaub gekommen. Er war nicht wieder zu erkennen. Seine Gewissensbisse plagten ihn. Er wäre das letzte Mal hier, sagte er. Er drückte mich und weinte nur, dieser starke, lustige Mann! Seine Mission in Polen war absolut geheim, doch als ich ihn im Herbst noch einmal besuchte und mich die mitreisenden Soldatenfrauen nach der Einheit meines Mannes fragten, wussten die schon, was dort passierte. Als ich wieder zu Hause war, musste ich feststellen, dass es durchaus auch viele wussten, welchen Auftrag mein Mann zu erfüllen hatte und auch, dass er wegen Verweigerung erschossen worden war. Niemand sprach mich darauf an. Nur ich allein glaubte, dass es geheim wäre.“

Gesche blickte stumm aus dem Fenster in ihren Garten und dann: „Als wäre das damals nicht schon genug gewesen. Gerade hatte ich die Nachricht bekommen, dass er angeblich im ‚Kampf‘ gefallen sei, da erschienen unangemeldet drei Männer in einem schwarzen PKW. Sie nahmen einfach meine kleine Tochter Wiebke mit, weil sie eine Hasenscharte hatte, um sie angeblich jetzt in der Uni-Klinik Kiel zu operieren. Sie war gerade mal drei Jahre alt, ein lebhaftes, freundliches Kind und sonst absolut gesund. Herzzerreißend weinte sie, als die Männer ohne Beschluss sie einfach schnappten und ins Auto setzten und davon fuhren. Ich konnte mich nicht einmal richtig von ihr verabschieden. Ich war machtlos und hatte keine Chance gegen diesen Überfall und diese rüde Vorgehensweise. Nach zehn Tagen wurde sie in einem versiegelten Sarg zurückgeliefert. Ich durfte sie nicht noch einmal sehen. Sie habe sich totgeschrien. Erst nach dem Krieg wurde bekannt, dass in der UK Kiel Ärzte mit ‚unwertem Leben‘ brutal experimentierten. Das war organisierte Kindereuthanasie in Kiel! Wie Vieles andere auch, wurde das im Nachkriegschaos unter dem Teppich gekehrt.

Nach dem Krieg wurden in den Dörfern auf den Denkmälern auch die Namen der Gefallenen des zweiten WK in Stein gemeißelt. Man löste bei uns das ‚Verbrecherproblem‘ mit einem neuen Stein und der Inschrift: ‚Den Toten zum Gedenken‘ und legte den Stein der alten Kameraden aus dem ersten WK daneben und drehten ihn einfach mit den Inschriften nach unten. Man konnte doch keinem Kriegsverbrecher ein Denkmal setzen. Während der NS Zeit war er der feige Verweigerer und nach dem Krieg der schändliche Kriegsverbrecher.

Mein Mann und Clemens hatten doch freiwillig die Uniform angezogen, um in der allgemeinen Aufbruchsstimmung dem Führer und Vaterland zu dienen. Oder wenn es galt, vielleicht noch die eine oder andere Grenze zu verschieben. Den Bauern hatte man in Aussicht gestellt, sie könnten in der Kornkammer Europas, in der Ukraine, Rittergüter erobern. Nach der Parole ‚Volk ohne Raum‘ wollten sie für etwas kämpfen, aber doch nicht wehrlose Menschen einfach so totzuschießen. Hatten sie überhaupt noch ein Gewissen, oder hatten sie es gemeinsam mit dem Fahneneid an den Führer abgegeben? Pausenlos hatte er seine Situation überdacht. Sollten sie aus dem Pflichtversprechen gehorsam immer weiter morden und dabei selbst zugrunde zu gehen? Sie konnten nicht mehr. Den anderen Kameraden ging es ebenso.

Die kalte Witterung machte vorläufig dem Treiben ein Ende, da keine Gruben mehr ausgehoben werden konnten. Die Deutsche Ostfront kam vor Moskau wegen der starken Gegenwehr zum Erliegen. Nun wurden die Kameraden mit moralischen Skrupeln und andere ‚straffällig‘ gewordene Kameraden als Luftlandetruppe bei Kaluga hinter den feindlichen Linien abgesetzt, um die von hinten zu entkräften. Es gab bei diesen Todeskommandos fast keine Überlebenden und somit keine Zeugen ihrer zuvor begangenen Massaker mehr. Clemens war nicht mehr dabei. Er schaffte es, die Aufsicht für die Kleiderkammer zu bekommen, in der alles deponiert wurde was die Häftlinge abgeben mussten. Er hatte in der letzten Zeit schon häufiger daran gedacht zu desertieren, falls er wieder dermaßen unselige Kommandos auszuführen hätte, doch eine Flucht war ihm zu riskant. Und wohin sollte er auch da im Feindesland und dann bei der Kälte und dem Schnee?

Dann hatte Clemens alles auf eine Karte gesetzt. Gemeinsam mit Anne, die bei ihm in der Kammer arbeiten musste, riskierte er die Flucht. Er hatte sogar seine Dienstpistole mitgenommen, um nicht kampflos zu scheitern, denn seiner Handlung wirklich sicher war er sich nicht. Aber das hat dir Anne sicherlich schon alles aus ihrer Polenzeit erzählt. Als Weihnachten 1944 das Ende nahte, trennten sich ihre Wege. Er wollte sie und den kleinen Christian ja nicht in Gefahr bringen, wenn sie gemeinsam zurück in die Heimat reisten.

Er machte sich also auf den Weg. Nach einem langen Marsch kam er die Straße auf der die vielen Flüchtlinge zu Fuß, mit Handkarren oder Pferdefuhrwerken gen Westen zogen, wurde ihm bewusst, wie gut es ihm in der vergangenen Zeit gegangen war. Einige der Flüchtlinge hofften jetzt aber auch immer noch auf den Endsieg und vertrauten den Worten des Führers. Ja, der Führer würde es schon richten und sie rächen. Bald könnten sie wieder zurück, hörte er.

Die eine Seite der Fahrbahn nutzten die Flüchtlinge, die andere das Militär auf dem Rückzug und für die Verwundeten Transporte. An einem verlassenen Gehöft hielt ein LKW mit verwundeten Kameraden. Einer konnte die Fahrstöße vor Schmerzen nicht mehr ertragen und weigerte sich, weiter mit zu fahren. Der LKW fuhr weiter, Clemens schleppte den Versehrten in den leeren Stall und legte sich neben ihn ins Stroh. Der Verwundete besann sich und das Stöhnen wurde weniger. Nach einer Weile begann er leise zu reden. Was sollte er noch und wohin? Seine Eltern und sämtliche Verwandten seien alle beim Bombenangriff 1943 in Hamburg ums Leben gekommen. Niemanden hätte er noch auf der Welt. Dann folgte noch einiges aus seinem Leben wie eine Nachlassbeichte.

Als Clemens wach wurde, war es noch nicht ganz hell, und als er weiter ziehen wollte, merkte er, dass der Kamerad nicht mehr lebte. In dem Augenblick wusste er nicht, wie er sich verhalten sollte. Als ob er den Toten noch tröste wollte, murmelte er ein paar fromme Worte und meinte, gut dass er nun keine Schmerzen mehr hätte. Noch ein paar Minuten harrte er neben dem Toten aus. Ohne nachzudenken, wie automatisch, wollte er wissen, wie der hieß und nahm seine Papiere. Hans Delfs war sein Name. Clemens steckte alles ein. Als er nun seinen Weg Richtung Küste fortsetzte, musste er ständig an den Toten denken. Dabei fiel ihm ein, wenn er nun in seine Rolle schlüpfte, dann wäre er ja kein Deserteur und auch kein SS Angehöriger mehr, sondern nur ein verwundeter, normaler Wehrmachtsgefreiter, denn die persönlichen Angaben im Wehrpass könnten passen. Und da er jetzt auch noch einen kurzen Bart trüge und Hans Delfs auf dem Passbild nicht, würde es niemand merken - so könnte er doch von nun an ‚Hans Delfs‘ sein, verwundet und wehruntauglich.

Trotz der vielen Flüchtlinge im Hafen schaffte Clemens als Hans Delfs die Überfahrt in den Westen nach Kiel. Mit Schmuck, der einst im Lager bei den Häftlingen konfisziert worden war, nahm ihn ein Fischer mit. Somit bestand auch keine Gefahr, dass er kontrolliert würde wie es bei den anderen Schiffen der Fall war.

Er wollte jetzt zu mir, der Witwe seines Kameraden. Sie hatten es sich einst gegenseitig versprochen, falls einem von ihnen etwas passieren sollte, den Angehörigen einen Brief zu überbringen und zu berichten, wie es sich das Ende zugetragen hatte. Bei mir wollte Clemens sich verstecken, bis endlich der Krieg vorbei wäre. Vorsorglich hatte er sich unterwegs schon eine herrenlose Krücke besorgt, um auf dem Weg seine Invalidität zu demonstrieren, obwohl seine Versehrtheit schon dokumentiert war.

In Kiel angekommen war er jetzt nur noch ‚Hans Delfs‘. Er erkundigte sich gleich nach dem Weg in Richtung Flensburg und trennte sich von den übrigen Flüchtlingen, um einer möglichen Registrierung zu entgehen. Nach einigen Tagen erreichte er unser Dorf an einem Sonntagmittag und fragte nach meinem Hof. Als ich die abgehalfterte Gestalt durch die Scheibe sah, erschrak ich und öffnete die Tür nur einen Spalt. Er stellte sich kurz vor. Wie vom Blitz getroffen starrte ich ihn an und nach einer Schrecksekunde bat ich ihn rein. Er legte ab und wusch sich in der Küche Hände und Gesicht.

Ich hatte ihm Erbsensuppe vom Mittag angeboten. Ausgehungert aß er die erste warme Mahlzeit seit langem. Es war ihm peinlich, als die Wärme des Raums seine Ausdünstung intensiv werden ließ und die Gerüche seiner letzten ‚Quartiere‘ verriet. Ich fragte und er erzählte. Nein, mein Mann sei nicht im Kampf gefallen, sondern regelrecht hingerichtet worden. Dann übergab er mir den Brief meines Mannes der er schon vorher einmal verfasst hatte. Es entstand eine seltsam emotional aufgeladene Stimmung als die Erinnerung an die unselige Zeit wieder wach wurde. Da ich ihm offen und loyal erschien erwähnte Hans schließlich, dass er seinen Namen und seine Identität geändert hätte, weil doch möglicherweise jetzt auf Deserteure und SS Angehörige Jagd gemacht würde. Er wäre nun Hans Delfs aus Hamburg, ein verwundeter Gefreiter der Wehrmacht, dessen Angehörige auch alle bei einem Bombenangriff in Hamburg ums Leben gekommen seien. Als Legitimation hatte er ja den Wehrpass und eine Krücke. Ob er denn bis zum baldigen Ende des Krieges da bleiben könne. ‚Klar doch‘, warf ich ein, weil ich wusste, dass er sich weiterhin verstecken musste, denn noch könnte ein verbiesterter Häscher ihn ans Messer liefern.

Auf Anhieb waren wir beiden uns sehr sympathisch, und obwohl das schnelle ‚Du‘ zu der Zeit nicht üblich war, vereinbarten wir Cousins zu sein, also Gesche und Hans. Ich machte die Knechten Kammer für ihn zurecht und legte ihm Kleidung von meinem Mann hin, die ich noch im Schrank verwahrt hatte. Ich nahm mein Kopftuch ab und kämmte mein Haar, zog eine neue Strickjacke an und drehte mich selbstkritisch vor dem großen Garderobenspiegel. Hans duschte und machte sich frisch. Er fühlte sich wie neu geboren, auch weil er eine so flotte, hilfsbereite Gastgeberin angetroffen hatte, wie er sagte.

Bevor ich wieder an die Arbeit zum Melken und Füttern musste, tranken wir noch gemeinsam Kaffee. Nun hatte das Schicksal mir diesen netten Mann an meinen Kaffeetisch gesetzt! Dabei wurde mir augenblicklich mein Gefühlsdefizit bewusst, das ich alle Jahre verdrängt hatte. Sicherlich auch beseelt von der Vorstellung, dass ich ihn nun in der Hand hätte, weil er sich verstecken müsste, löste bei mir eine gewagt einmalige Anziehung aus. Dieser Mann stimulierte bei mir emotional eine wüste Hochstimmung und wühlte meine Sinne so sehr auf, dass ich an Nichts anderes mehr denken konnte. Was war plötzlich los mit mir?

 

Doch ich musste in den Stall an die Arbeit. Eine Angestellte aus dem Dorf und ein alter Tagelöhner halfen. Das musste täglich sein. Hans war von den Strapazen der letzten Tage sehr erschöpft und wollte sich ein wenig ausruhen. Am Abend hatte ich mich frisch gemacht und in der Küche ein Imbiss angerichtet, um ihn meinem schlafenden Gast in der Kammer zu bringen, da er ja noch nichts zum Abend gegessen hatte. Obwohl ich plötzlich innerlich so sehr vor Verlangen glühte, bemühte ich mich um fürsorgliche Sachlichkeit, als ich ihn geweckt hatte. Hans saß auf dem Bett und genoss sein Abendbrot. Ich beobachtete ihn still und wie von Sinnen und Verlangen getrieben umarmte ich ihn plötzlich als er fertig war. Er konnte nicht mehr ausweichen und tröstete mich schließlich bis zum Morgen. Ich musste wieder früh in den Stall, während Hans im Bett blieb. Er war noch ganz erschlagen von meinem nächtlichen Gefühlsausbruch.

Was war in mich gefahren? Ich war mit der Arbeit fertig. Hans hatte sich erholt und war angezogen, als ich herein kam, um mich für den herzzerreißenden Ausrutscher letzte Nacht zu rechtfertigen: ‚Ich war emotional aufgewühlt, weil du als einziger nach all den Jahren überhaupt von meinem Mann so ehrlich berichtet hast.‘ Für mich waren diese Jahre der Ungewissheit ziemlich belastend gewesen. Bedingt durch die Informationen waren meine Gefühle sensibilisiert worden, dass ein unbändiges Lustverlangen über mich gekommen war. Die vergangene Nacht war dann auch ein unkontrollierter, aber ein wunderschöner Befreiungsschlag.

Es wurde der Beginn einer ungewöhnlichen, tiefen Freundschaft. Hans hatte eigentlich nicht wirklich damit gerechnet, dass er hier auf dem Hof bleiben könnte. Er hatte angenommen, bis er sein Ziel hier erreichte hätte, wäre in der Zwischenzeit der Krieg aus, und Deutschland hätte kapituliert. Aber er kannte die Realität nicht, denn es nahm kein Ende. Es ging unvermindert weiter und immer mehr Menschen starben. Bei so viel mörderische Unvernunft müsste zum Schluss doch eine logische, einsichtige Vernunft siegen. Nein, es kamen immer mehr Flüchtlinge, denn der Führer hatte befohlen, die deutschen Ostgebiete vor den sich nähernden russischen Truppen zu räumen. So wurde in Schleswig-Holstein jedes ‚Loch mit Flüchtlingen vollgestopft‘, die zum großen Teil über die Ostsee kamen.

Hans machte sich auf dem Hof nützlich, wo er nur konnte aber vermied es, sich draußen aufzuhalten und wenn, dann nur mit der Krücke. Zu groß schien ihm das Risiko, einem Denunzianten auf den Leim zu gehen, denn auch noch so kurz vor Kriegsende machten eigenmächtige Strafaktionen von NS-Funktionären und Militärjustiz Jagd auf fahnenflüchtige Soldaten. Denn trotz des Elends stand die große Mehrheit der Bevölkerung auch weiterhin zu ihrem ‚Führer‘. In der ’Klüterkammer‘ hatte Hans ein Motorrad entdeckt, eine ‚Rixe‘, 98 ccm mit Pedalen wie ein Moped. Da er nicht nach draußen wollte oder konnte, restaurierte er es von Grund auf, denn sobald es möglich wäre wollte er damit zu seinen Eltern nach Westfahlen fahren.

Am 5. Mai 1945 kapitulierte Deutschland. Der ‚Führer’ hatte sich schon am 30. April das Leben genommen. Etliche NS Größen hatten sich mit falschem Namen nach Norden abgesetzt und waren untergetaucht. Als Führer-Stellvertreter aber wollte Admiral Dönitz im Norden noch sein Reich gründen und residierte in der Marineschule Mürwik. Deshalb kam die Kapitulation hier zwei Wochen später. Da erst drohte Clemens keine tödliche Gefahr mehr, und er kroch fast befreit aus seiner Deckung, denn er hatte eine Identität gestohlen und fühlte sich als ehemaliger SS-Angehöriger mit der verräterischen Tätowierung der Blutgruppe unter der Achsel immer noch als überführbar. Das Sagen hatte nun im Norden das dänische und englische Militär.  

Als anerkannter Kriegsversehrter mogelte Hans sich auch um die Gefangenschaft herum. Als ‚Hans Delfs‘ hatte er mehrere Briefe geschrieben, adressiert an den polnischen Bauern und auch an den Pfarrer, bekam aber keine Antwort. An seine Eltern konnte oder wollte er mit seiner neuen Identität auch nicht schreiben. Wie sollte er die Umstände nach so langer Zeit erklären? Wie würden sie reagieren? Das müsste er schon persönlich machen.

Nun brauchte er aber erst einmal amtliche Dokumente auf den Namen ‚Hans Delfs‘, der ja auch in der Zwischenzeit ja sechs Zentimeter ‚gewachsen‘ war. Er schaffte den wieder erwachten deutschen Amtsschimmel, der scheinbar genauso wieherte wie ‚in alten Zeiten‘, vielleicht ein kleinwenig leiser. Aber es roch noch so, denn die meisten Akteure hinter den Schreibtischen waren wohl noch immer dieselben, nur dass sie am Jackenrevers kein Abzeichen mehr trugen. Reisen durften die Deutschen nicht, nach Hause ja, aber das war ja nun Hans Delfs Hamburg.

In der Landwirtschaft gab es jetzt viel zu tun. Für kleines Geld war er nun bei Gesche als Tagelöhner tätig, denn die französischen Kriegsgefangenen waren wieder nach Hause gereist und die deutschen jungen Burschen waren ja noch in der Kriegsgefangenschaft, soweit sie überlebt hatten. Hans war    froh, einen Job zu haben und nicht hungern zu müssen. Er lernte den    Umgang mit den Tieren und das Arbeiten mit den Pferden, denn Traktoren hatten die wenigsten Bauern. Etwas hatte er in Polen ja schon mitbekommen.

Als Hans bei mir am Kriegsende unter gekommen war, hatte er sich schon bald in das kleine, halbverfallene Reetdach Häuschen unten am Wasser verliebt. Es gehörte zum Hof und diente zuletzt als Schafstall. Nun stand es schon länger leer und war ziemlich kaputt und herunter gekommen. Fischer hatten es einst als Unterschlupf errichtet. Ein Refugium wollte er sich schaffen, das so recht seiner neuen, spartanischen Lebenseinstellung entsprach. Ich war mit ihm übereingekommen, dass er es für sich fertig machen könne, denn wegen der vielen Flüchtlinge wurde alles Mögliche zu Wohnräumen umfunktioniert, auch bei mir im Haus. Zwar hätte ich es gern gesehen, wenn er ganz bei mir geblieben wäre, denn wir beiden waren sehr gleichartig und nutzten unsere heimliche Gemeinschaft. Aber so lange seine Hütte noch nicht fertig war, blieb er ja. Und das dauerte. Soweit es die Zeit auf dem Hof zuließ, werkelte er an der Hütte, wobei er mit seinem kleinen Anhänger hinter dem Motorrad die Baumaterialien transportierte, die er von den zerbombten Häusern aus der Stadt holte. Auch einen niedlichen Herd, der zum Kochen und Heizen dienen sollte. Die Leute waren erstaunt, was Hans aus dem Stall für ein Kleinod machte,  denn rund um, auch auf dem Land, war vieles durch die Kriegszeit vernachlässigt worden, somit stach das schmucke Häuschen schon bald als ländliches Bijou in der spröden Umgebung besonders hervor.

Doch er hatte keine Ruhe und wollte unbedingt zu seinen Eltern nach Hause fahren. Das Motorrad war in Ordnung und die Papiere auch. Gut vorbereitet, mit einem Dreiteiligen Militärzelt, Proviant und Sprit, denn unterwegs würde er wohl schwer etwas bekommen, knatterte Hans davon. Ein paar Reichsmark Taschengeld und Kleinigkeiten zum Tauschen steckte er sich auch noch ein. Als er durch die Städte fuhr, war er entsetzt über den Umfang der Zerstörung, den die britischen und amerikanischen Bomben bis wenige Wochen und Stunden vor der Kapitulation angerichtet hatten. Dann erreichte er die Fabrik seines Vaters. Es war ein großes Trümmerfeld.

Nun vermutete er, dass sein Elternhaus ein paar Kilometer weiter ebenfalls in Schutt und Asche lag. Aber nein, die Villa in dem großen, gepflegten Garten wirkte fast ein bisschen unwirklich nach den Zerstörungen in der Umgebung zuvor. Nur am Mast flatterte der Union Jack. Die Engländer hatten das Haus konfisziert. Hans fragte den Wachsoldaten am Tor auf Deutsch und Englisch, wo denn die Leute seien, die da gewohnt hätten, aber der sagte barsch jedes Mal: ‚No – go on! ‘

Auf der Straße liefen Frauen mit Holzpantoffeln, großen Taschen, Kopftüchern, in abgetragenen Mänteln oder Jacken. Die waren sicherlich Flüchtlinge oder Ausgebombte und würden auch keine Auskunft geben können, wo die Familie von Bruninghausen geblieben wäre. Doch der große Junge, der mit dem Handwagen zwei Säcke transportierte, der war wohl von hier. Und als Hans fragte, meinte der, dass der Vater und sein Sohn im Gefängnis seien, die Mutter und die Tochter mit ihrem Jungen irgendwo anders wohnten. Wo wisse er nicht. Die Tochter? Und der Junge? Christian? Ob Anne denn auch schon mit den Flüchtlingen aus dem Osten gekommen war? Vater und Bruder waren wohl im Gefängnis, weil die Fabrik für das Militär produziert hatte.

Es ließ Hans einfach keine Ruhe und er musste ständig an seine Lieben denken, zumal er auch mit den Polen keinen Kontakt bekam. Er fühlte sich so allein, so abgehängt und fuhr zurück. Unzufrieden mit seinen Informationen wollte er nun auch keinen Fehler machen und es im nächsten Jahr noch einmal versuchen.

So klappte es dann im übernächsten Jahr: Obwohl die elterliche Fabrik noch nicht wieder aufgebaut war, gab es in den Ruinen wieder Bewegung, und es wurde dort wohl auch irgendetwas produziert oder repariert. Der Schutt war schon zum größten Teil weggeräumt. Ein einarmiger Pförtner wachte am Tor. Hans sprach ihn an und sagte, dass er hier auch vor dem Krieg gearbeitet hätte. Und wie es denn heute hier so liefe[RL5] . Die alten Maschinen hätten die Engländer mitgenommen, um damit ihre Industrie zu puschen, meinte der Pförtner und hier sollten jetzt neue, modernere und effektivere Anlagen installiert werden, die einen wesentlichen Produktionsvorteil gegenüber den alten bringen würden. Der Pförtner antworte bereitwillig und redselig: Der alte Chef sei zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, aber schon wieder entlassen worden. Er und seine Frau kämen ab und zu auch mal hier zur Fabrik. Von den beiden Söhnen wäre der jüngere im Krieg geblieben, der ältere und seine Frau leiteten jetzt das Ganze und den Wiederaufbau. Die machten das gut. Wenn sie hier vorbei kämen, redeten sie auch mal mit einem, besonders die junge Frau, wenn sie ihren kleinen Sohn mitbrachte. Ein feiner kleiner Kerl wie die Mutter, lächelte der Einarmige. Aber sonst? Gefragt hat er Hans nichts, und er hat auch weiter nichts von sich erzählt.

Hans fuhr weiter zur elterlichen Villa. Die britischen Besatzer waren ausgezogen. Drinnen und draußen wurde renoviert. Ja, da waren sie! Seine Mutter, Anne und auch Christian im Garten und sprachen mit den Handwerkern. Ja, das waren sie! Wie gern würde er da einfach so zu ihnen laufen, „Hallo, da bin ich“, und seine Lieben umarmen und drücken. War nun sein Bruder Claus Christians Papa? Und hatte Anne ihn geheiratet? Er war doch schwul. Clemens hatte Angst, dass er jetzt ein Chaos verursachen würde, wenn er sich zu erkennen gäbe - als Hans Delfs? Und könnte er da nicht zu schnell als Kriegsverbrecher Clemens entlarvt werden? Ja, und könnten Anne und er überhaupt ihr harmonisches Liebesleben wie zuletzt in polnischer Unfreiheit so weiterführen? Diese entbehrungsreichen Momente hatte er schon als die glücklichste Zeit des Lebens abgespeichert. Wenn sie nun völlig frei wäre, könnte sie denn auf die Dauer mit einem Mörder leben? Seinen Mut, den er einst im Krieg zur Flucht aus dem Lager aufgebracht hatte, war wohl damals mehr durch eine aufgestaute Panik entstanden und zu erklären gewesen – den brachte er nun nicht auf.

Schon am selben Tag machte Hans sich wieder auf den Weg gen Norden. Traurig war er nicht, vielleicht aber ein wenig wehmütig. Doch er war beruhigt und froh darüber, dass Anne und Christian in Sicherheit und offensichtlich gesund waren und nicht hungern mussten.

Noch waren die Lebensmittel knapp und der Schwarzmarkt blühte, besonders in den städtischen Regionen. Die Menschen tauschten Schmuck und wertvollste Dinge gegen ein paar Krümel Brot. Der Tauschhandel hatte Hochkonjunktur. Lebensmittel und Zigaretten wurden zu Ersatzwährungen. Die Reichsmark war fast nichts mehr wert. Doch sein bescheidenes Leben bei dem armen, kleinen Bauern in Polen hatte ihn geprägt. Er verspürte auch kein Ehrgeiz in seinem Dasein oder in der Wirtschaft noch ein großes Rad drehen zu wollen. Hans fühlte sich allein gelassen und von allen, auch familiären Zwängen befreit. Auf dem Hof bei Gesche half er kostenlos aus oder war quasi nur als Tagelöhner tätig und sprang ein, wenn Not am Mann war. Auch auf der Werft half er ab und zu aus, besonders wenn es um etwas technisch Kniffliges ging. Dem Bootsbaumeister der kleinen Werft gefiel es. Hans verstand sich ganz gut mit ihm, nicht nur wegen seines handwerklichen Geschicks und seines technischen Knowhows, sondern auch menschlich. Er bot ihm auf der Werft einen Job an. Hans sagte zu.

Ein altes Fischerboot lag schon über fünf Jahre an der Werft. Die Reparatur lohte sich nicht mehr und auch das Abwracken wäre teuer gewesen. Gegen ein altes Damenfahrrad tauschte Hans es mit der Witwe des Fischers ein. Hans wollte wieder einen Segler daraus machen. Wenn er auf der Werft oder dem Hof nicht gebraucht wurde, bastelte er an seinem Boot oder an seinem Haus. Er schacherte auf dem Schwarzmarkt, wobei ihm sein Motorradgespann für Transporte zugutekam. So machte er bis zur Währungsreform erfolgreich weiter. Obwohl er ursprünglich doch nur so viel Kasse machen wollte, dass er damit sein Boot renovieren konnte, so füllte sich sein Konto mit der neuen D-Mark immer weiter. Der Schiffsmotor wurde überholt, dass der alte Diesel wieder wie eine Nähmaschine lief – natürlich bisschen lauter. Es dauerte eine ganze Zeit bis der betagte Kahn mit Mast, schwarzem Rumpf und braunen Segeln, innen und außen wie aus dem Ei gepellt, zu einem gemütlichen Prachtstück geworden war. Er taufte es auf den Namen ‚Stackel‘, was im Norden für ‚armer Schlucker‘ steht.

In seinem Lebensstil blieb Hans bescheiden auf dem Teppich in seiner urigen Fischerhütte und er blieb auch bei mir. Die die Landwirtschaft hatte mein Neffe inzwischen übernommen und ich war ins Altenteiler Haus gezogen. Hans war viel mit seinem Boot zum Fischen unterwegs, ab und zu gemeinsam mit mir. Ich blieb aber auch gerne zu Hause. Wir waren ein einträchtiges Paar und verstanden uns bestens aber lebten nicht zusammen unter einem Dach, aber postalisch war er bei mir gemeldet. Und das war auch gut so, denn er hatte gelegentlich Depressionen und weinte, wenn seine Vergangenheit ihn einholte. Dann wollte er nur noch allein sein. Aber erzürnen konnte man sich mit ihm nicht.

Als Glasnost und Perestroika die Politik den Osten aufweichte, bekam Hans Bedenken, dass man nun in den alten Kriegsarchiven weiter wühlen würde und auf der Suche nach den ehemaligegen Akteuren seine Identität aufdecken könnte. Wenn mein Mann während seiner SS-Militärzeit in einem Vernichtungslager tätig gewesen war, müsste Hans Delfs, sein Kamerad, doch ebenfalls dort gewesen sein. So könnte seine falsche Identität auffliegen. Er hatte in Medienberichten verfolgt, wie raffiniert ehemalige Kriegsverbrecher nach langer Zeit aufgespürt worden waren. Die SS-Tätowierung unter Achsel könnte ihn stets überführen, ihn vor Gericht zerren und dann mit Zeugen belegen, dass er dazu gehört und gemordet hatte. Ich glaubte aber nicht daran, aber konnte es ihm auch nicht ausreden. 

Doch als würde Hans mit seinen Bedenken Recht gehabt haben: Da erschien bei mir nun ein Mann stellte sich vor, den Namen weiß ich nicht mehr, und fragte nach Hans Delfs. Er sei ein ehemaliger Schulfreund. Da seine Familie in Hamburg ja ausgebombt und ums Leben gekommen sei, habe er sich an den Suchdienst des RK gewandt und seine Adresse erfahren. Hans sei auf Reisen, sagte ich spontan. Der Mann gab mir seine Adresse. Hans würde sich melden, wenn er denn zurückkäme. Er glaubte an einen ‚Kopfjäger‘, oder aber einer, der den wirklichen Hans von Angesicht kannte und zu minderst seine falsche Identität erkennen würde. So beschloss er, wieder unterzutauchen verriet mir aber nicht sein Reiseziel.

Hans hatte sich mit einer Flucht oder Reise in die Karibik schon länger intensiv befasst, da einige Inseln ja auch europäische Dependancen waren. Die ‚Stackel‘ war gut ausgerüstet für die große Fahrt. Seine Vergangenheit hatte er auch schon lange in einen Pappkarton gepackt: Alle seine Erinnerungen, Fotos und Notizen, unvollständige Tagebücher, Skizzen und Gedanken über Menschen aus seinem Leben. Mit einem kurzen Anschreiben:

Wenn Ihr die Nachricht erhaltet, werde ich nicht mehr da sein. Ich passe mit meiner Vergangenheit nicht mehr in Eure Welt. Alles Liebe Euch allen.‘

Er adressierte er es an die Familie von Bruninghausen mit meinem Absender. Hans hatte mir eine Generalvollmacht für die Bank und alles Mögliche gegeben, denn er werde auf eine längere Reise gehen. ‚Ich melde mich und wenn du im nächsten halben Jahr nichts von mir hörst, schicke doch bitte das Paket ab,‘ sagte er mir, bevor er ging. Ich musste ihm auch versprechen, nichts weiter zu erzählen, wenn ich wieder mit ihm Kontakt hätte. Ich versprach es.“

Ein paar Monate später: Wie vom Blitz getroffen hatten die von Brüninghausens das Lebenszeichen von Hans aufgenommen. Anne war außer sich und wäre am liebsten sofort zu mir gefahren. Christian behielt aber einen kühlen Kopf. Sie sollten sich doch erst einmal mit seinem Nachlass im Karton beschäftigen, um sich ein Bild zu machen.

„Wohlwissend, dass sie Clemens alias Hans nicht mehr antreffen würden erschienen Anne und Christian aber ein paar Tage später bei mir. Sie wollten die Frau kennen lernen, bei der Hans so lange gelebt hatte. In der Folgezeit freundeten wir uns an. Es fühlte sich wie Familie an, denn Christian hatte tatsächlich sehr viel Ähnlichkeit mit seinem Vater. Ich freute mich jedes Mal, wenn die beiden jetzt häufiger kamen und dann in der Fischerhütte wohnten. Ich verriet aber nichts, obwohl Hans mir schon mitgeteilt hatte, dass er in der Karibik sei. Ich schrieb ihm zu bestimmten Zeiten postlagernd an vereinbarte Orte. So vorsichtig war er.

Das war vor fünf Jahren. Seit dem kommen Anne und Christian jeden Sommer für ein paar Tage oder Wochen in die Hütte und fahren mit einem Fischerboot und einen Blumengruß aufs Meer. Nun hat sich Christian ja selbst ein Schiff gekauft und einen Freund, dich Bernd gefunden. Du willst dich ja auch künftig um das Schiff kümmern und dazu gehörte dann auch jedes Mal eine Tasse Kaffee bei mir“, lachte Gesche - und Bernd: „ Das geht los. Ich besorge den Kuchen.“

Dass Anne nun auch häufiger für ein paar Tage kam, um sich mit Bernd zutreffen, passte Gesche nicht so ganz. Obwohl zwischen ihr und Bernd nur eine platonische Freundschaft bestand, war sie scheinbar ein wenig eifersüchtig, oder es war verletzte Eitelkeit.

Deshalb verriet Gesche Bernd im ‚Vertrauen‘, dass Hans sich in der Karibik an verschiedenen Orten aufhielt. Wo wisse sie nicht, da er postlagernd verschiedene Orte wählte. Logisch, dass Anne es nun von Bernd erfuhr.

 

IN DER KARIBIK

 

Schon Ende November flogen Christian und Bernd nach St. Maarten. Sie hatten in Marigot an der großen Lagune ein Boot gechartert und verschiedene Fotos der ‚Stackel‘ und auch von Hans dabei. Da die Boote dort ja vor allem weiße Yachten waren, müsste schon ein schwarzer, braun getakelter Kutter auffallen.

Die auf der Charterbasis sahen sich die Bilder vom Kutter und Skipper an, schüttelten die Köpfe und sagten, wenn einer das wissen könnte, dann wäre das der Brückenwärter an der Klappbrücke, denn viele suchten hier in der Lagune in den Sommermonaten Schutz vor den Starkwinden. Sie hatten Glück. Ja, der kannte das Schiff und auch den Kapitän. Sie hätten manche Flasche Bier miteinander leer gemacht. Ein netter Geselle, der Deutsche. Vor zwei Wochen sei er raus. Wohin? Hier oder da? Er lächelte, zeigte dabei nach Norden und nach Süden und zuckte mit den Schultern. Euphorisch, dass sie schon einmal ein Lebenszeichen bekommen hatten, segelten sie nach links, also nach Süden. Das war auch ihr ursprünglicher Plan und passte auch besser mit dem Wind. Sie hätten wohl ausklarieren müssen, fiel ihnen ein. Ob das jemanden auffiel bei so vielen Schiffen? Es fiel nicht auf.

Schon bald merkten sie, dass ihre Aktion recht blauäugig geplant war bei so vielen Schiffen. Von den kleinen Bootshändlern, die nach dem Ankern den Seglern meist Obst und Besorgungen anboten, hatte der eine oder andere die Stackel schon gesehen - aber wann? Sie ankerten in den Buchten und setzten zum Dinner in die kleinen Beachrestaurants über. Da Bernd und Christian beruflich ja mit der englischen und französischen Sprache vertraut waren, kamen sie bei ihrer Recherche mit den geselligen Gästen schnell auf Tuchfühlung. Schon nach ein paar gönnerhaften Drinks wurden sie Freunde und nach weiteren Drinks, hatten sie die Stackel tatsächlich schon gesehen oder sagten es wenigstens. Diese karibische Leichtigkeit hatte sie bald gepackt, aber sie wussten sehr wohl, dass es galt, die Nadel im Heuhaufen zu finden. Zwei Tage vor dem Auschecken näherten sie sich wieder St. Martin von Osten her und ankerten in einer Bucht vor einem Restaurant. Als sie nach dem Essen mit dem Dingi zurückkamen, entdeckten sie mit ihrer Handlampe ein dunkles Schiff weiter hinten und steuerten spontan darauf zu.

Es war die ‚Stackel‘! Aus der offenen Luke klang klassische Klaviermusik und das fade Licht beleuchtete das Deck. Christian hielt sich am Süll fest. Er roch nach gebratenem Fisch. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals. Aufgeregt und erwartungsvoll klopfte er an die Bordwand. Es regte sich was. Das konnte nur sein Vater sein, der da mit grauem Haar und grauem Bart vor ihm stand und nichts sagte. Christian hielt die Lampe so, dass beide sich ansehen konnten.

 „Hallo Papa, ich bin es, Christian, dein Sohn!“ 

Regungslos starrte der Alte ihn an, wobei ihm schon gleich die Augen feucht wurden und seine Lippen zu zittern begannen, als wollte er etwas sagen, aber er sagte nichts. 

„Ich bin es, Annes Sohn, der kleine Pole – Papa!“ 

Versuchte Christian ihn aus der Reserve zu locken, wobei der auch zu weinen begann.

„Sag doch was!“ 

Der Alte aber schwieg und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Doch dann strich er Christian ganz behutsam über den Kopf, wobei er ihm auch mit dem Daumen die Tränen von der Wange wischte. 

„Ja, Christian - ja, ja, ich weiß doch – Christian,“ kam es ihm ruhig und leise über die zitternden Lippen. Er drehte sich um, schloss die Luke und machte das Licht aus.

Zurück legte Bernd sich schlafen. Christian konnte nicht, setzte sich mit einem Drink in die Plicht und stierte unentwegt in die Dunkelheit dorthin, wo die Stackel lag, bis ein Tropenschauer ihn in die Koje trieb. In der frühen Dämmerung wollte er erneut rüberfahren, aber da war die ‚Stackel‘ nicht mehr da.

Es wurde still um Hans. Erst als Gesche mit vierundneunzig Jahren gestorben war und ihr Neffe den Nachlass ordnete, war da auch ein Ordner ‚HANS‘. Gesche hatte die ganzen Jahre alle offiziellen Angelegenheiten, Rente und Bank, während seiner Abwesenheit in Deutschland geregelt und ihn über alles hier auch mit Bildern ausführlich informiert. Daher auch ihr Interesse an Bernd, der ihr stets alles von den Bruninghausens erzählte.

Neben weiterer Korrespondenz waren da auch die alten Reiseunterlagen, aus den hervorging, dass Gesche nicht jedes Jahr angeblich vier Monate in einer Finca auf Gran Canaria bei Freunden überwintert hatte, sondern in der Karibik gemeinsam mit Hans auf seinem Schiff. Auch als Christian seinen Vater einst aufgespürt hatte, war sie dort bei ihm an Bord.

In ihrem Fotoalbum ‚Karibische Erinnerungen‘ sitzt Hans in einem großen Sessel auf der Veranda des schmucken karibischen Häuschens inmitten seiner schwarzen Gastfamilie.

Schon vor drei Jahren hatte Gesche einen ‚Lettre Recommandée‘ eines Notars von der kleinen Insel ‚Iles Des Saintes‘ bekommen. Gesche hatte ihn geöffnet und liegen gelassen. Darin waren die Sterbeurkunde und das Testament mit einem sauber geschriebenen Brief seiner Familie in französischer Sprache:

 

… Hans hat Euch immer alle lieb gehabt und bittet Euch für sein Verhalten in den letzten Jahren um Verzeihung … seine Lebensbeichte hat in unserer kleinen Kirche abgelegt und Frieden gefunden … er ist still in unserer Familie eingeschlafen … und ruht jetzt auf unserem sonnigen Friedhof.


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